1. Korinther 1,4-9

5. Sonntag vor der Passionszeit

Ihr seid so wunderbar. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht Gott dafür danken würde, dass es euch gibt. Ich danke Gott für die Selbstverständlichkeit, mit der wir hier gemeinsam auf das Wort der Bibel hören, mit der wir hier singen und beten. Ich danke Gott für die vielen guten Begegnungen, die wir in dieser Gemeinde erleben, und für die vielen Gaben, die unter uns wirken zum Wohle der Menschen.

Liebe Gemeinde!

Wie geht es Ihnen mit diesem Lob? Fragen Sie sich vielleicht gerade: Was ist mit ihm los heute Morgen? Oder: Was will er jetzt von uns? Keine Sorge! Ich möchte Sie lediglich vorwärmen für die warme Dusche aus Worten, die Paulus an die Gemeinde in Korinth schreibt. Ganz am Anfang seines ersten Briefs an die Korinther, kaum dass er sich vorgestellt hat, lobt Paulus die Gemeinde in den höchsten Tönen. Und das klingt dann so:

4 Ich danke meinem Gott allezeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch gegeben ist in Christus Jesus, 5 dass ihr durch ihn in allen Stücken reich gemacht seid, in allem Wort und in aller Erkenntnis. 6 Denn die Predigt von Christus ist unter euch kräftig geworden, 7 sodass ihr keinen Mangel habt an irgendeiner Gabe und wartet nur auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus. 8 Der wird euch auch fest machen bis ans Ende, dass ihr untadelig seid am Tag unseres Herrn Jesus Christus. 9 Denn Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn. (Lutherbibel 2017)

Warme Worte schreibt Paulus an die Korinther. An die Gemeinde, die von ihm selbst gegründet wurde, mit der er jetzt durch offene Briefe verbunden ist, weil er selbst in Ephesus ist. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Ob sie Lob und gute Rückmeldungen gut annehmen können. Manche Menschen bestreiten reflexartig, dass sie etwas gut gemacht haben, wenn man es ihnen sagt:

„Der Kuchen war lecker.“ – „Ja, aber der Tortenboden muss eigentlich lockerer sein.“

Wenn Lob solchermaßen aufgefasst wird, dann stehen am Ende beide dumm da, der Lobende und der Gelobte. Die eine, weil sie über die wahre Qualität des Kuchens, oder was auch immer, belehrt wurde. Die andere, weil sie die Chance verpasst hat, sich etwas Gutes sagen und damit etwas Gutes tun zu lassen. Also, bestreiten Sie nicht, wenn Sie von jemandem gelobt werden, denn es könnte etwas dran sein an diesem Lob. Sinnvoll ist es hingegen, sich für Lob zu bedanken. Vor allem, wenn es das Lobenswerte konkret benennt und glaubwürdig ist. „Die Erdbeertorte war wunderbar, weil die Erdbeeren frisch und der Teigboden herrlich mürbe war.“ Ein solches Lob kommt an, weil es ernstgemeint ist und konkret sagt, worauf es sich bezieht.

Das tut auch Paulus. Er sagt der Gemeinde, was er Gutes sieht bei ihr. „Die Predigt von Christus ist unter euch kräftig geworden, sodass ihr keinen Mangel habt an irgendeiner Gabe.“ (1,7) Mit anderen Worten: Die Predigt von Christus, aus der die Gemeinde überhaupt erst entstanden ist, prägt ihre Kommunikation. Sie findet sich wieder in der Art und Weise, wie die Korinther miteinander umgehen. Sie führt zu Einsichten über das gemeinsame Leben und über die Welt. Sie trägt Früchte und zeigt Wirkung unter den Menschen, denn sie sind einander in „Glaube, Hoffnung, Liebe“ (13,13) verbunden, wie Paulus später schreibt.

Ja, es ist richtig, antike Briefe beginnen in der Regel mit einer ultimativen Lobhudelei und vielen Fällen kann man sie getrost überlesen und zu dem kommen, was eigentlich gemeint ist und was dann in der Regel etwas realistischer oder kritischer ausfällt. Und auch bei Paulus kommt noch Kritisches. Dazu komme ich gleich. Aber sein Lob an die Korinther halte ich für ernstgemeint und realistisch. Das zeigt alleine schon der Vergleich mit dem Galaterbrief, bei dem ein solches Lob am Anfang vollkommen fehlt. Wenn Sie mal einen völlig unterkühlten Briefanfang lesen wollen, dann empfehle ich Ihnen den Galaterbrief. Aber hier, im Korintherbrief, beginnt Paulus mit warmen Worten, um dann in der Tat auch Kritisches zu schreiben. Und die Kritik, die Paulus den Korinthern mitzuteilen hat, bezieht sich auf die Streitigkeiten, die unter ihnen ausgebrochen sind. Es gibt offensichtlich in der Gemeinde unterschiedliche Gruppen, die miteinander konkurrieren und sich auf verschiedene Leitfiguren berufen: auf Paulus oder Apollos oder Kephas oder Christus (1,12).

Gegen diese Tendenz zur Zersplitterung der Gemeinde kämpft Paulus an. Denn er sieht sehr genau, dass in Korinth aus legitimer Vielfalt längst ein zerstörerisches Gegeneinander geworden ist. Ein Gegeneinander verschiedener Identitäten, die um die Deutungshoheit über das gemeinsame Leben in der Gemeinde kämpfen. Das zeigt sich dann zum Beispiel beim Abendmahl, wo die Reichen schon satt und betrunken sind, während die Armen noch arbeiten müssen und dann später nur die Reste vom Mahl der Gemeinschaft abbekommen. An dieser Stelle fragt Paulus rhetorisch: „Was soll ich euch sagen? Soll ich euch loben? Hierin lobe ich euch nicht.“ (11,22)

Es ist gar nicht so leicht, diesen Punkt genau in den Blick zu bekommen, wo legitime Vielfalt umschlägt in die Tendenz zur Zersplitterung der Gemeinde. Die Gemeinde in Korinth bietet einen guten Hintergrund für diese Frage. Eine junge Gemeinde mit sehr verschiedenen sozialen Milieus in einem multikulturellen und multireligiösen Umfeld. Wir sind tatsächlich in Emmaus in mancher Hinsicht wie die Korinther. Und auch wir haben es in der einen Gemeinde mit verschiedenen Identitäten zu tun: mit Thomas oder Matthäi oder Versöhnung oder Christus. Das ist für sich genommen kein Problem, solange die gemeinsame Perspektive klar ist, nämlich die Orientierung an Christus. Und damit meine ich jetzt nicht die Kirche, sondern den gekreuzigten und auferstandenen Herrn.

Vor einiger Zeit erhielt die Evangelische Kirche im Rheinland auch einen Brief. Es handelte sich um den Bericht einer Gruppe ökumenischer Gäste. Im Jahr 2015 waren 17 Mitglieder aus weltweiten Partnerkirchen der rheinischen Kirche hier bei uns zu Besuch. Sie kamen aus Indonesien, Namibia und dem Kongo, aus den USA, aus Polen, Rumänien, Tschechien, Ungarn, aus Belgien und Frankreich. Die rheinische Kirchenleitung hatte mit der Einladung die Bitte um einen kritisch-solidarischen Blick von außen verbunden. „Wie kann die rheinische Kirche eine für die Zukunft relevante Kirche sein?“, lautete die Frage an die Gäste, die sich zehn Tage lang in rheinischen Gemeinden und Kirchenkreisen umsehen konnten.[1] Die Antwort im Bericht der Gäste lautete: Ihr tut viel Gutes. Ihr nehmt eure Verantwortung für die Welt ernst. Aber warum sagt ihr so selten, dass ihr all dies tut, weil ihr an Christus glaubt? Und warum geratet ihr in Panik, wenn einer eurer schönen Pläne einmal nicht aufgeht? Der Herr der Kirche macht doch trotzdem weiter mit uns. Darum seid mutig und fürchtet euch nicht.[2]

Mich hat dieser Bericht regelrecht aufgeweckt und ich schaue seit drei Jahren immer wieder in ihn hinein, weil es sich um ein einzigartiges Dokument handelt. Es findet sich in diesem Bericht viel ernstgemeinte Wertschätzung und Lob für unsere Arbeit, gut begründete warme Worte. Und in dieser Verbundenheit aber eben auch die konstruktiv-kritische Rückfrage an uns Evangelische im Rheinland: Warum glaubt ihr so sehr an eure organisatorischen Fähigkeiten und warum habt ihr so große Angst davor, von den Menschen nicht mehr geliebt und verlassen zu werden, wenn doch Christus bei euch ist und euch reich macht.

Für mich ist dieser Bericht wie ein Kommentar zu unserem heutigen Predigttext, wie ein Anhang speziell für uns, der uns ermutigt, mehr auf die Kraft und auf die Gaben zu vertrauen, die uns im Glauben zuströmen. „Ihr werdet keinen Mangel haben an irgendeiner Gabe“, schreibt Paulus, „solange ihr auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus wartet.“

Damit meint er übrigens keine frommen Höchstleistungen. Im Gegenteil!

Er verweist vielmehr auf Gottes Treue, der uns berufen hat zur Gemeinschaft mit Christus und miteinander.

Der wird uns auch erhalten.

[1] Die Taten sind gut. Was fehlt, ist das Salz. Quelle: https://www.ekir.de/www/service/oekumenische-visite-19041.php (abgerufen am 01.02.2019).

[2] Vgl. Bericht der Ökumenischen Visite in der Evangelischen Kirche im Rheinland. 11.-21. Juni 2015. Quelle: https://www.ekir.de/www/downloads/2015-06-20VotumOekumenischeVisite.pdf (abgerufen am 01.02.2019).

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