Apostelgeschichte 16,9-15

Sexagesimä

In diesen Tagen ist viel von Europa die Rede. Auch ich möchte Ihnen heute Morgen eine europäische Geschichte erzählen. Die Geschichte, wie alles begann mit der Kirche in Europa. Eine Geschichte nicht nur über die Vergangenheit, sondern auch aus der Zukunft.

Diese Geschichte erzählt uns Lukas, der Autor des Evangeliums und der Apostelgeschichte. Nachdem er von all dem erzählt hat, was Jesus von Anfang an tat und lehrte, erzählt er auch vom Wachstum der Kirche, von der Mission des Paulus und davon, wie Menschen zum Glauben an Christus fanden.

Wir treffen Paulus auf seiner zweiten Missionsreise. Diese hatte mit Hindernissen begonnen. Nach einem Streit mit Barnabas, waren Paulus, Silas und Timotheus übereingekommen, zu dritt miteinander auf die Reise zu gehen. Auch die Route musste geklärt werden. Lukas erzählt, ihnen sei „vom Heiligen Geist verwehrt“ worden, „das Wort zu predigen in der Provinz Asia“. Auch die Reise nach Bithynien habe der „Geist Jesu“ nicht zugelassen. So kamen sie schließlich nach Troas, einer Landschaft im nordwestlichen Teil Kleinasiens, der heutigen Türkei.

Was dort geschah, erzählt Lukas.

9 Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann aus Makedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Makedonien und hilf uns! 10 Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Makedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen. 11 Da fuhren wir von Troas ab und kamen geradewegs nach Samothrake, am nächsten Tag nach Neapolis 12 und von da nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Makedonien, eine römische Kolonie. Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt. 13 Am Sabbattag gingen wir hinaus vor das Stadttor an den Fluss, wo wir dachten, dass man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen. 14 Und eine Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, eine Gottesfürchtige, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, sodass sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde. 15 Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns. (Lutherbibel 2017)

Paulus, Silas und Timotheus verlassen das bekannte Terrain, sie betreten Neuland. Die Entscheidung dafür, haben sie selbst getroffen. Allerdings war das Neuland nicht ihre erste Wahl. Lieber wären sie im Vertrauten geblieben, auf den schon bekannten Pfaden. Dort, wo sie sich auskannten. Wo es schon Gemeinden gab. Zweimal wird erzählt, dass der Heilige Geist ihnen dies verwehrte. In die Provinz Asia und nach Bithynien führte diesmal kein Weg. Dafür aber nach Makedonien. „Komm herüber nach Makedonien und hilf uns“, sagt der Mann, der Paulus nachts erscheint.

Kein Wort verliert Lukas über die Frage, welcher Art diese Erscheinung ist, ob es sich um einen Traum handelt oder was auch immer. Entscheidend ist, was diese Erscheinung bei Paulus und seinen Mitreisenden bewirkt. Sie hören die Stimme Gottes, der sie beruft. Geht zu den Menschen in Makedonien. Predigt ihnen das Evangelium. Und Makedonien steht für das Neue, steht für Europa, steht für den Schritt in eine neue Welt, die bisher noch kein Missionar betreten hat.

Ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein großer Sprung für die Kirche Jesu Christi.

Sie ist jetzt in Europa angekommen, wo ihr eine große Zukunft blüht.

Lukas, der Verfasser der Apostelgeschichte, markiert diesen Sprung auch sprachlich. Die Erzählperspektive wechselt nämlich an dieser Stelle. War bisher immer über die Apostel gesprochen worden, so berichten sie nun selbst. Und wir sind dabei. Hautnah erzählen jetzt die Apostel: Wir waren gewiss, dass uns Gott berufen hatte, denen in Makedonien das Evangelium zu predigen. Wir fuhren von Troas ab und kamen nach Philippi. Wir blieben einige Tage in dieser Stadt. Wir gingen am Sabbat an den Fluss und sprachen dort, am Ort des Gebets, mit einigen Frauen.

Und wir, liebe Schwestern und Brüder, sind dabei.

Wir sind dabei und erleben, wie sich dieser epochale Sprung für die Kirche ereignet. Ein Sprung übers Meer nach Europa. Er wurde möglich, weil eine kleine Gruppe von zwei oder drei Menschen sich im gemeinsamen Hören auf den Geist Gottes einig wurde: Dahin führt jetzt ein Weg. Das ist jetzt unsere Aufgabe. Dort werden wir jetzt gebraucht und gehört.

Keine Sekunde verschwenden sie damit, über die ihnen verwehrten Möglichkeiten zu klagen oder zu trauern. „Ich wäre so gerne in die Provinz Asia gegangen“, hätte Paulus auch klagen und sich noch ein bisschen Zeit zum Abschiednehmen nehmen können. Doch das tut er nicht. Er und die anderen gehen. „Sogleich“ gehen sie, wie Lukas betont, im Moment der Gewissheit verlieren sie keine Zeit mehr, sondern handeln.

Ich gestehe offen: Ich wünsche mir solche Klarheit und solche Entschiedenheit. Für mein eigenes Leben und auch für uns als Gemeinde. Wer oder was hindert uns eigentlich?

Paulus musste die Erfahrung machen, dass er nicht alle mitnehmen konnte. Barnabas zum Beispiel hatte andere Pläne und ging eigene Wege. Lukas erzählt von der Trennung der beiden ohne Vorwurf. Es ging nicht anders, im wahrsten Sinne des Wortes.

Und doch ging nach Paulus nicht im Alleingang nach Europa. Es waren zwei oder drei Menschen, die sich einig wurden: Dahin führt jetzt ein Weg. Das ist jetzt unsere Aufgabe. Dort werden wir jetzt gebraucht und gehört. Eine kleine Gruppe von Menschen, die sich verständigt haben und die ein gemeinsames Ziel haben.

Mir scheint, genau darin liegt eine große Stärke. Wenn Menschen, die sich gut kennen und ihrer Sache gewiss sind, ihrer Berufung folgen. Wenn sie die innere und äußere Freiheit haben, das Neuland nicht nur von ferne zu grüßen, sondern auch wirklich zu betreten.

Ich glaube, es ist heute wieder eine Zeit gekommen, in der wir als Kirche die Kraft der zwei oder drei Überzeugten entfesseln müssen. Eine Zeit für kleine Schritte, aber für kleine Schritte mit Überzeugung und Gewissheit, aus denen dann womöglich wieder große Sprünge entstehen können. Ich vermute, wo immer der Glaube große Sprünge macht in Zukunft, sind diese nicht geplant, sind nicht aus Projektplänen und Visionsprozessen hervorgegangen, sondern geschehen einfach. Geschehen, weil zwei oder drei Menschen sich einig und gemeinsam gewiss geworden sind. Dahin führt jetzt ein Weg. Das ist jetzt unsere Aufgabe. Dort werden wir jetzt gebraucht und gehört.

Natürlich braucht es dann auch Menschen, die diesen zwei oder drei zuhören und vertrauen. Die ihnen glauben und sagen: Probiert es aus. Macht es einfach. Unseren Segen habt ihr. Um den Segen Gottes bitten wir.

Und Segen von Gott lag offensichtlich auf der Mission von Paulus, Silas und Timotheus. Sie redeten mit den Frauen, die sie am Sabbat beim Gebet trafen. Und einer von ihnen „tat der Herr das Herz auf, sodass sie darauf achthatte, was von Paulus geredet wurde.“

Ja, so ist das. Manchmal geht Menschen einfach das Herz auf. Das Wort von Christus, Liebe, die stärker ist als der Tod, Hoffnung, die gewiss macht: am Ende wird alles gut. Diese Botschaft erreicht sie in der Mitte ihrer Person. Und dann beginnt ein Prozess, der den ganzen Menschen neu macht, an Leib, Seele und Geist. Dann fließen Kräfte des Lebens, die uns die Augen öffnen für Gottes Schöpfung, für die Schönheit und Würde unseres Lebens.

Wo und wann das geschieht? Es liegt nicht in unserer Hand. Die Reformatoren sagten: Wo und wann Gott will, geschieht es.[1]

Aber es geschieht! Bis heute. Und es wird immer geschehen.

So wie es bei Lydia geschehen ist. Der ersten Christin in Europa. Lydia, die Purpurhändlerin, die mit einem der wertvollsten Stoffe der Antike handelte und offensichtlich unter den römischen Veteranen in Philippi zahlungskräftige Kunden hatte. Lydia ließ sich taufen und beherbergte in ihrem Haus die entstehende christliche Gemeinde in Philippi (16,40). Sie diente der Gemeinde als Leiterin und wahrscheinlich auch als Mäzenin, als Geldgeberin.

Was für eine Frau! Sie steht am Anfang der Kirche Jesu Christi in Europa. Zu recht wird sie in der orthodoxen und katholischen Kirche als Heilige verehrt. Eine Frau, an die auch wir uns erinnern sollten. An die offenherzige und achtsame Lydia, die aber auch eine ganz entschiedene Seite hatte. Denn sie nötigte Paulus und seine Weggefährten bei ihr zu bleiben. Das stelle ich mir nicht allzu leicht vor. Aber ohne ein bisschen Mut geht es eben nicht.

Wo der Geist Gottes weht, gibt es diesen Mut. Und genau das können wir von Lydia lernen: Hören und Handeln gehören zusammen.

[1] „Ubi et quando visum est Deo“ (Confessio Augustana, Art. 5).

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