Jesaja 50,4-9

Palmsonntag

Sind Sie auch noch etwas müde heute Morgen? Für viele Menschen ist der Sonntag der einzige Tag in der Woche, an dem sie mal so richtig ausschlafen können. Ausgerechnet dann in die Kirche rennen zu sollen, empfindet mancher als Zumutung, wie mir immer wieder versichert wird. Dabei kann es so schön sein, noch ein bisschen müde in der Kirche zu sitzen.

Denn Müdigkeit kann angenehm sein. Müdigkeit schiebt sich wie ein Dämpfer zwischen uns und die Welt. Musik, Worte und Licht verlieren die Schärfe, die sie sonst oft haben. Ein gnädiges Dämmern des Körpers schützt unseren Geist und unsere Seele vor den harten und eckigen Seiten der Welt.

Gut dran ist, wer in diesem Zustand einen Ort findet, wo sich in Ruhe müde sein lässt. Wo es warm und trocken ist, hell, aber niemals grell, klangerfüllt und wohltemperiert. So wie unsere Kirche heute Morgen.

Müde in der Kirche sein, eine gute Voraussetzung und ein idealer Ort, um sich inspirieren und neu beleben zu lassen.

Herzlich willkommen, all Ihr Müden!

Doch Müdigkeit ist nicht gleich Müdigkeit. Sie kann ja, wie wir wissen, auch sehr unangenehm sein. Dann nämlich, wenn sie eine tiefgreifende Erschöpfung anzeigt. Solche Müdigkeit hat nichts angenehm Beruhigendes. Im Gegenteil: Sie geht oft einher mit Anspannung und innerer Unruhe.[1] Wer diese Müdigkeit spürt, der braucht mehr als einen Sonntagmorgen zum Ausschlafen oder eine Stunde in der Kirche. Der braucht einen Menschen zum Reden. Einen Menschen, der sich Zeit für ihn nimmt und genau hinschaut.

Das wusste auch schon jener namenlose Diener Gottes, dessen Worte der Prophet Jesaja überliefert. Ich lese aus dem 50. Kapitel die Verse vier bis neun.

4 Gott der HERR hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. 5 Gott der HERR hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück. 6 Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel. 7 Aber Gott der HERR hilft mir, darum werde ich nicht zuschanden. Darum hab ich mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein; denn ich weiß, dass ich nicht zuschanden werde. 8 Er ist nahe, der mich gerecht spricht; wer will mit mir rechten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer will mein Recht anfechten? Der komme her zu mir! 9 Siehe, Gott der HERR hilft mir; wer will mich verdammen? Siehe, sie alle werden wie ein Kleid zerfallen, Motten werden sie fressen. (Lutherbibel 2017)

Mit den Müden muss man reden, und zwar zur rechten Zeit. So die Überzeugung des sog. Gottesknechts bei Jesaja. Und für Israel im Exil war die rechte Zeit gekommen.

Der zweite Teil des Prophetenbuchs Jesaja entstand im babylonischen Exil. Israel war im 6. Jahrhundert vor Christus von den Babyloniern eingenommen worden. Der Tempel war zerstört, die Führungsschicht des Volkes exiliert worden.

Lange, viel zu lange dauerte nun schon das Leben im Exil, fern der Heimat, fern vom Tempel, dem Ort, wo Gottes Name wohnte, fern der Quelle des Lebens. Siebzig Jahre, ein ganzes Menschenleben, sollten vergehen, bis der Tempel wieder aufgebaut wurde.

Wer sich von den Quellen des Lebens trennt oder davon getrennt wird, wer seine Kräfte nicht mehr erneuern kann und gezwungen wird, von der eigenen Substanz zu leben, der erschöpft sich über kurz oder lang vollkommen.

Israel war müde und erschöpft vom Leben im Exil, vom Leben ohne Freiheit. Die rechte Zeit war gekommen für den Aufbruch in die Freiheit, für den Weg zurück zu den Quellen des Lebens. Nächstes Jahr in Jerusalem! Endlich wieder zu Hause.

Mit den Müden muss man reden, und zwar zur rechten Zeit. Das wissen wir auch in der Seelsorge unserer Kirche. Überall, wo Menschen miteinander reden und sich gegenseitig entlasten, da geschieht solche Seelsorge.

Wir brauchen Räume in unserem Leben, wo wir ohne Furcht sagen können, wie es uns geht. Ohne Furcht vor dem Urteil anderer oder vor schnellen Ratschlägen. „Iss mehr Gemüse, beweg dich mehr an der frischen Luft“ – alles richtig, aber in manchen Situationen leider keine Hilfe. Eher schon Orte, wo die Müdigkeit Raum gewinnen, sich ausbreiten darf. Orte, wo wir aufeinander hören und auch miteinander schweigen. Wir können einander solche Ort schenken, hier in der Gemeinde und anderswo, zu Hause oder bei einem Spaziergang im Park.

Ob dann solche Gespräche von den Ermüdeten begeistert aufgenommen werden, das muss man erst mal sehen.

Die Botschaft jenes Dieners Gottes, von dem Jesaja erzählt, wurde jedenfalls nicht von allen mit jubelnder Begeisterung aufgenommen.

„Tröstet mein Volk!, spricht euer Gott. Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat“ (Jes 40,1), diese Botschaft sollten die Müden im Exil hören.

Eine frohe Botschaft, eine gute Nachricht!

Eigentlich – doch auch gegen diese gute Nachricht gab es Widerstand, und zwar nicht zu knapp. Von Schlägen und Spott ist die Rede.

„Ich bot meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Schmach und Speichel.“

Warum dieser Widerstand gegen die gute Nachricht vom Ende des Exils, vom Aufbruch in die Freiheit?

Manchmal ist es wohl so, dass Menschen so tief drinstecken in dem, was sie bedrückt und erschöpft, dass sie zunächst einmal gar nicht hören können und wollen, wenn ihnen jemand Besserung verspricht.

Sie bringen tausend Gründe vor, warum es eigentlich gar nicht anders werden kann, warum es vielmehr immer schon so gewesen ist und immer so weiter gehen muss. Auch wenn es nicht gut ist, ist es doch vertraut, so wie es ist.

Darum fragte ja Jesus den Lahmen am Teich Bethesda: „Willst Du gesund werden?“ (Joh 5,6), bevor er ihn heilte. Ohne ein Ja auf diese Frage gibt es keine Besserung.

Widerstand gegen die Besserung der eigenen Situation, das gibt es auch heute noch, vielleicht öfter, als wir denken.

Die Müdigkeit hat ein schlechtes Image. Wer zugibt, dass er erschöpft ist und nicht mehr kann, wird kritisch angeschaut. Fehlt dem Kollegen etwa das nötige Engagement? Ist die Kollegin unter Umständen nicht voll identifiziert mit dem Unternehmen? Gute Ratschläge lassen meistens nicht lange auf sich warten. Gesunde Ernährung, mehr Sport und – wo das nicht reicht – ein neuer Dienstwagen oder ein höherer Bonus als ultimativer Anreiz, als definitiver Kick auf der Überholspur von Karriere und Leben.

Wenn jemand eine Formschwäche zeigt, dann wird ihm meistens zu mehr desselben geraten. Zu mehr Engagement, mehr Identifikation, mehr Mut,[2] mehr Aktivität.

Mehr, mehr, mehr!

Ich glaube, dass dieses dauernde mehr von allem das grundlegende Merkmal unserer Zeit am Beginn des 21. Jahrhunderts ist.

Mehr von allem, bis es am Ende von allem zu viel ist. Wir sind als Einzelne und als Gesellschaft gefangen in einer Spirale des Mehr, die zu immer höherer Produktion, ins Unendliche gesteigerter Leistung und immer dichterer Kommunikation führt. Die Wirtschaft muss wachsen, die Arbeitszeit wird verdichtet, neben Post und E-Mail sind längst auch die Kanäle der Sozialen Medien getreten, die alle irgendwie bedient werden wollen und um unsere Aufmerksamkeit konkurrieren.

Dieser Exzess des Mehr führt am Ende zum „Infarkt der Seele“.[3]

Erschöpfung, Ermüdung und Erstickung des Lebens sind die Folge.

Die gute Nachricht?

Es gibt auch aus diesem Exil einen Ausweg, einen Weg, der in die Freiheit führt.

Ob wir ihn gehen, liegt an uns.

Natürlich gibt es viele gute Gründe, die dagegen sprechen. Die Meinung der anderen, die Sorge um unser Image, endlose To-Do-Listen und der schillernde Prospekt der Freizeitaktivitäten, die auch noch alle irgendwie koordiniert werden müssen.

Der namenlose Diener Gottes aus dem Jesajabuch gibt uns heute, am Beginn der Karwoche, ein kräftiges Gegenbild mit auf den Weg. Er wappnet sich gegen den vermeintlichen oder tatsächlichen Spott der anderen. Ich habe „mein Angesicht hart gemacht wie einen Kieselstein“. Sollen sie doch reden!

Er entscheidet sich für das Hören.

„Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören.“

Was am Beginn des Tages steht, das bestimmt auch seinen Rest. Das Hören steht vor aller Aktivität. Es steht für eine grundlegende andere Haltung im Leben. Das Entscheidende wird nicht von uns geschafft, sondern kommt auf uns zu, kommt uns zuvor – von Gott.

Wer aus dieser Gewissheit lebt, wird nicht allen gefallen, muss es aber auch nicht. Denn „siehe, Gott der Herr hilft mir; wer will mich verdammen“?

Liebe Gemeinde!

Aus diesem Hören auf Gott, das aller Aktivität vorausgeht und diese heilsam begrenzt, lässt sich tatsächlich leben.

Jochen Klepper, der Autor des heutigen Predigtliedes, hat es tatsächlich getan. Sein Lied ist für mich wie ein Kommentar zum Bibeltext.

In den Zeilen, die er im Jahr 1938 dichtete, hat er sich einen Ort des Schweigens geschaffen. Wo Gott spricht, „da schweigen Angst und Klage“. Und in diesem Raum des Schweigens lässt sich leben und sterben.

Jochen Klepper, der mit einer jüdischen Frau verheiratet war, nahm sich angesichts nationalsozialistischer Verfolgung 1942 zusammen mit seiner Familie das Leben.

Ein Schritt, den er gewiss nicht leichtfertig ging. Letztlich war es die Treue zu seiner Familie, die für ihn diesen Schritt unumgänglich machte. Ein Schritt, in dem er sich getragen wusste von Christus, dem er ganz gehören wollte.

Wenn wir versuchen, aus dem Hören auf Christus zu leben, ihm zu gehören, dann hoffen wir, dass uns solche drastischen Schritte, wie sie Jochen Klepper am Ende gegangen ist, erspart bleiben.

Gott bewahre uns vor so einem Weg.

Und dennoch spüre ich bei Klepper etwas von der Freiheit, die aus dem Hören kommt. Eine Freiheit, die auch in schwierigen Situationen trägt und Wege eröffnet.

Ich möchte gerne diese Woche fürs Hören nutzen. Fürs Hören auf Gott, auf meine eigene innere Stimme und auf meinen müden Nachbarn. Es ist Zeit dafür.

[1] Vgl. Veronika Hackenbroch, Kerstin Kullmann zu Symptomen der Depression: Unter Wasser. In: Der Spiegel 11 / 2018, 102.

[2] In dieses Horn stößt letztlich auch die Fastenaktion der evangelischen Kirche 2018 „Zeig dich! Sieben Wochen ohne Kneifen“.

[3] Vgl. Byung-Chul Han: Müdigkeitsgesellschaft. Berlin 72012, 57.

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