Johannes 3,14-21

Reminiscere

Wahrscheinlich kennen Sie auch Gespräche, bei denen die Redeanteile höchst ungleich verteilt sind. Kaum hat man die Frage zu Ende gestellt, da redet der andere drauflos und hört gar nicht mehr auf zu reden. Wenn man an einen solchen Vielredner gerät, kann das richtig unangenehm werden. Vor allem, wenn das, was der andere sagt, nicht so richtig interessant ist. Wenn man so „zugetextet“ wird, dann sucht man intuitiv nach einem Ausweg. Wie komme ich jetzt hier wieder raus? Irgendwann wird der andere ja auch mal Luft holen müssen, dann schnell den Mund aufmachen und sich freundlich verabschieden. Oder woanders hingucken und hoffen, dass der Gesprächspartner von selbst aufhört. Es gibt da verschiedene Strategien. Glück hat man hingegen, wenn man an einen Vielredner gerät, der tatsächlich etwas zu sagen hat. Auch das gibt es natürlich. Menschen, denen wir wie gebannt zuhören. Bei denen wir hoffen, dass sie nie aufhören, weil sie etwas Hilfreiches und Gutes sagen. Denen könnten wir stundenlang zuhören.

Wie es wohl Nikodemus ging?

Nikodemus, von dem Johannes erzählt, war ein Pharisäer. Einer von denen, die es ernstmeinten mit Gott. Er wollte ein heiliges Leben führen, nicht bloß am Feiertag im Tempel, sondern auch im Alltag der Welt. Dieser Nikodemus kam eines Nachts zu Jesus und sprach zu ihm:

„Rabbi, wir wissen, dass du ein Lehrer bist, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.“ (Joh 3,2)

Mit diesem Satz stimmt Nikodemus Jesus zu. Er sagt: Gott ist mit dir. Ich erkenne es an dem, was du tust.

Diese Zustimmung des Nikodemus zu Jesus ist deshalb so erwähnenswert, weil das Johannesevangelium ansonsten den Konflikt zwischen den Anhängern Jesu und den Pharisäern sehr stark betont. Vermutlich deshalb, weil es zu einer Zeit geschrieben wurde, als sich der Konflikt zwischen dem entstehenden rabbinischen Judentum und dem entstehenden Christentum zuspitzte und Judentum und Christentum sich schließlich trennten.

Aber hier ist das nicht so. Nikodemus stimmt Jesus zu und diese Zustimmung öffnet bei Jesus die Redeschleusen. Er hält eine Rede, die erste ausführliche Rede im Johannesevangelium. Einen Teil der Rede Jesu an Nikodemus lese ich als Predigttext vor:

Wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, 15 auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. 16 Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. 17 Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. 18 Wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet, denn er hat nicht geglaubt an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes. 19 Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, denn ihre Werke waren böse. 20 Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. 21 Wer aber die Wahrheit tut, der kommt zu dem Licht, damit offenbar wird, dass seine Werke in Gott getan sind. (Lutherbibel 2017)

Nikodemus stimmt Jesus zu. Und Jesus hält ihm eine Rede. Eine lange, aber auch spannende Rede. Denn Jesus sagt in ihr etwas über sich selbst. Darüber, wie er sich versteht. Er gibt seinerseits Nikodemus Recht. Ja, du siehst das ganz richtig. Bei mir ist tatsächlich Gott im Spiel.

Natürlich sagt Jesus das nicht so. Er spricht etwas umständlich vom Menschensohn, wenn er von sich selbst spricht. Aber eigentlich sagt er hier:

Wenn ich sterbe, dann gehe ich zu Gott. Und weil ich zu Gott gehe, bin ich für alle Menschen da. Für alle Menschen an allen Orten und zu allen Zeiten.

Auch für die in Mörsenbroich? Ja, auch für die in Mörsenbroich!

Warum? Weil Gott die Menschen liebt und will, dass sie ein gutes Leben haben!

Ein gutes Leben? Ja, genau. Nichts anderes meint nämlich „ewiges Leben“.

Gut und darum ewig ist ein Leben, wenn es von Vertrauen geprägt ist. Von dem Vertrauen, dass Gott uns geschaffen hat und Gemeinschaft mit uns hat, weil er uns liebt. Nichts und niemand kann uns von dieser Liebe trennen. Nicht einmal der Tod hat diese Macht, so sehr wir auch leiden, wenn er in unser Leben tritt. Gottes Liebe ist stärker als die Macht des Todes. Wenn wir auf diese Macht der Liebe vertrauen, dann sehen wir, wie gut die Welt ist, wie schön sie geschaffen ist. Und dann wird auch in uns der Wunsch wach, etwas Gutes zu tun, einen kleinen Beitrag zu leisten zu dieser großen Güte.

Jetzt denken Sie vielleicht: Wenn das so einfach wäre mit dem Vertrauen!

Ja, ich weiß auch, dass es nicht so einfach ist.

Unser Leben ist ja auch eine Geschichte von Enttäuschungen. Menschen missbrauchen unser Vertrauen. Sie tun vielleicht freundlich, aber verfolgen in Wahrheit andere Absichten. Absichten, die im Verborgenen liegen, die vielleicht sogar böse sind.

Solche Erfahrungen bleiben uns leider nicht erspart. Weder im privaten Leben noch öffentlich und politisch. Es ist ein Rätsel, warum das so ist. Gott will das Gute für alle. Seine Mission heißt: Rettung der Welt zu einem Leben in Vertrauen, in Frieden und Gerechtigkeit.

Warum gibt es Menschen, die davor Angst haben? Die lieber festhalten an der Finsternis und ihren bösen Werken?

Menschen wie Volker Münz, der kirchenpolitische Sprecher der AfD-Fraktion im Bundestag. In der Februar-Ausgabe des evangelischen Magazins Chrismon redet er herzergreifend über sein Gottvertrauen. Je älter er werde, desto mehr spüre er, dass jemand ihn in seinen Händen halte.[1] Das klingt fromm. Doch wer sein Buch „Rechtes Christentum?“[2] liest, der merkt schnell: Der Gott des Volker Münz ist nicht der Vater Jesu Christi, sondern ein nationaler Götze. Aus Christus soll die Galionsfigur einer Nationalreligion gemacht werden. Noch werden von Münz und anderen Christen in der AfD die nationalistischen Exzesse und Hassreden eines Björn Höcke verharmlost. Doch der Schleier der Frömmelei ist längst fadenscheinig geworden. Unverhohlen droht Münz führenden Bundespolitikern, wenn er mit klammheimlicher Freude bürgerkriegsähnliche Zustände in Deutschland heraufbeschwört. Er sagt: „Denen wünsche ich ein langes Leben, damit sie die Kämpfe auf der Straße noch sehen werden.“[3]

Wer so redet, zeigt eindrücklich, wes Geistes Kind er ist. Dass er eben nicht glaubt an den Namen des eingeborenen Sohnes, der mit seinem ganzen Leben und Sterben die Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen verkörpert.

Im Doppel-Interview mit Volker Münz sagt der Theologe Frank Richter: „Als Theologe kann ich Ihnen den Glauben nicht absprechen … aber Kern des Christentums sind Glaube, Hoffnung, Liebe.“[4] So sehr es richtig ist, dass Frank Richter unter Verweis auf 1. Kor 13,13 auf die inhaltliche Bindung des Glaubens hinweist, so deutlich müsste doch auch gesagt werden, dass der von Volker Münz für sich beanspruchte Glaube falsch bzw. irreführend ist. Ohne diese Unterscheidung zwischen wahrem und falschem Glauben werden wir die Auseinandersetzung mit dem Rechten Christentum nicht wirkungsvoll führen können.

Es ist Zeit, daran zu erinnern: Es gibt im Glauben keine Brücke zwischen Gott und der Nation.

Wer sagt: Christus und Deutschland gehören zusammen, den müssen wir daran erinnern, was in der ersten These der Barmer Theologischen Erklärung aus dem Jahr 1934 steht:

„Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“

Die kulturelle oder nationale Identität Deutschlands, die vermeintliche Rettung des Abendlandes, das alles sind keine Ziele, auf die wir uns als Christen verpflichten lassen müssten. Vor allen Dingen, wenn diese Ziele mit so viel Hass und Menschenverachtung verfolgt werden, wie dies bei den Propagandisten des sogenannten „Rechten Christentums“ der Fall ist.

Dieser Hass und diese Menschenverachtung sind ein tödliches Gift. Mose errichtete in der Wüste die eherne Schlange. Wer sie anschaute, blieb am Leben, auch wenn er zuvor vergiftet worden war.

Wir finden Rettung im Zeichen des Gekreuzigten. Rettung vor der Macht des Todes, die sich äußert in Misstrauen, Hass und Verachtung. Rettung in ein Leben vor Gott, das Früchte trägt in Taten der Liebe.

Solche Taten der Liebe sind nicht nur große Taten. Im Gegenteil: „Es ist wichtiger, etwas im Kleinen zu tun, als im Großen darüber zu reden.“ (Willy Brandt)

Ich bin aber überzeugt, bei jeder noch so kleinen Tat werden die Menschen spüren, aus welcher Haltung heraus und mit welcher Überzeugung wir sie tun. Es macht einen Unterschied, wenn wir im anderen – und sei er noch so anders als wir – Gottes geliebtes Kind sehen, dem seine Liebe gilt wie uns selbst.

Dann werden die Menschen vielleicht eines Tages auch zu uns sagen:

„Niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott mit ihm.“

[1] Christen in der AfD – wie geht das zusammen? In: Chrismon 02.2019, S. 24-27, hier 25.

[2] Felix Dirsch, Volker Münz, Thomas Wawerka (Hg.): Rechtes Christentum? Der Glaube im Spannungsfeld von nationaler Identität, Populismus und Humanitätsgedanken. Graz: Ares-Verlag 2018.

[3] Christen in der AfD – wie geht das zusammen? A. a. O., S. 26.

[4] A. a. O., S. 27.

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