Römer 15,4-13

3. Advent

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht. Wenn ich so über den Weihnachtsmarkt gehe, dann geht mir immer wieder durch den Kopf: Der Advent ist doch ein seltsamer Monat!

Was für ein Aufwand dort Jahr für Jahr getrieben wird. Unzählige Menschen machen sich auf wie damals Josef und Maria zur Volkszählung nach Bethlehem. Sie finden, wenn schon keine Herberge, so doch ein schützendes Obdach an den Glühweinständen und Bratwursttheken. Sie treffen sich mit Freunden und Kollegen, atmen den Duft dieser besonderen Zeit mit ihren Familien oder allein und gehen schließlich, oft beladen mit Geschenken wie die Heiligen Drei Könige, wieder nach Hause.

Warum ist das so? Was zieht uns trotz Gedränge und laufender Nase, trotz quengelnder Kinder und quakender Weihnachtsmusik immer wieder an diese Orte im Advent?

Ich vermute, es ist die Sehnsucht nach einer großen, tiefen und durch nichts in der Welt zu hindernden Freude, die uns so sehr lockt.

Wir wissen ja, dass hinter den beleuchteten Fassaden graue Hinterhöfe hocken, dass Kaufbudenflitter und Konsum nicht halten, was sie versprechen. Und dennoch stürzen wir uns immer wieder in diese betriebsame Leere, weil sie angetrieben wird von unserer Sehnsucht. Weil die Lichter unsere Hoffnung wecken. Weil wir hinter Jingle Bells und Tannenbaum, hinter Zuckerwatte und Printen etwas suchen, was uns Halt gibt auf der Karussellfahrt des Lebens.

Etwas, das bleibt, auch wenn die Lichterketten längst wieder eingepackt sind.

Gibt es so etwas? In echt, nicht nur im Spiel des Weihnachtsmarktes?

Paulus versucht dieses Etwas zu umschreiben. Er ringt um Worte dafür und schickt große Begriffe auf die Karussellfahrt der Sprache: Geduld, Trost, Freude, Friede, Hoffnung. Er schreibt:

4 Denn was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben. 5 Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, wie es Christus Jesus entspricht, 6 damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus. 7 Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre. 8 Denn ich sage: Christus ist ein Diener der Beschneidung geworden um der Wahrhaftigkeit Gottes willen, um die Verheißungen zu bestätigen, die den Vätern gegeben sind; 9 die Heiden aber sollen Gott die Ehre geben um der Barmherzigkeit willen, wie geschrieben steht (Psalm 18,50): »Darum will ich dich loben unter den Heiden und deinem Namen singen.« 10 Und wiederum heißt es (5.Mose 32,43): »Freut euch, ihr Heiden, mit seinem Volk!« 11 Und wiederum (Psalm 117,1): »Lobet den Herrn, alle Heiden, und preisen sollen ihn alle Völker!« 12 Und wiederum spricht Jesaja (Jesaja 11,10): »Es wird kommen der Spross aus der Wurzel Isais, und der wird aufstehen, zu herrschen über die Völker; auf den werden die Völker hoffen.« 13 Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes. (Lutherbibel 2017)

Das also suchen wir, wenn es nach Paulus geht. Wir kaufen Dinge was das Zeug hält und wollen doch eigentlich reich sein an Hoffnung. Wir wünschen uns fröhliche Weihnachten und suchen doch eigentlich Freude und Friede im Glauben.

Nur dass man Freude und Friede im Glauben nicht haben kann wie eine neue Uhr. Und der Reichtum an Hoffnung schlägt sich nicht in Zahlen nieder wie der Bonus auf dem Bankkonto.

Wie aber dann? Wie kommen wir ran an diese Schätze, die wir – wiederum nur mit einem ganz gebrechlichen Wort – als „geistliche Schätze“ bezeichnen könnten?

In den vergangenen Tagen fand ich ein Interview mit Salah Ahmad. Er ist Traumatherapeut in Berlin und im Irak, wo er Kriegsopfer behandelt. Seit fast 40 Jahren lebt er nun schon in Berlin. Obwohl er Muslim ist, freut er sich auf Weihnachten, „weil die Leute dann wärmer miteinander umgehen, sich verabreden und beglückwünschen. … das tut jeder Seele gut.“[1] Die Menschen, die er behandelt, haben Schreckliches erlebt. Sie sind Kriegs- und Folteropfer aller Konfliktparteien im Irak. In der Therapie lernen sie, mit der Erinnerung an den Schmerz zu leben, ohne immer wieder neu von Angst, Demütigung und Zorn überwältigt zu werden.

Salah Ahmad erzählt von einem traumatisierten Mann, der sich scheiden lassen wollte. Ich habe den Mann gefragt: „Welche Farbe haben die Augen deiner Frau? Er überlegte: Schwarz, nein, Braun, nein, so ein bisschen Hellbraun! Ich sagte: Du bist neun Jahre mit ihr zusammen, ihr habt zwei Kinder, und du kennst ihre Augenfarbe nicht? Er: Warum ist das wichtig? Ich: Damit sie weiß, dass Du sie siehst! Gib ihr ein gutes Gefühl, indem du zum Beispiel sagst, wow, deine Haare sehen heute fantastisch aus! Da hat er gelacht und gelacht. Er fühlte sich erwischt, aber ich habe ihm kein schlechtes Gewissen gemacht. … Erst war die Frau misstrauisch. Am Ende hat er mir gestanden, dass er sie über alles liebt. Ich konnte ihm helfen. ihr das zu zeigen. Das Wichtigste ist, dass in einer Familie mit einem Traumatisierten einer den anderen verstehen lernt. Freude kann man lernen!“[2]

Besonders dieser letzte Satz hat es mir angetan. „Freude kann man lernen!“ Wenn das für traumatisierte Menschen gilt, die an Leib und Seele schwer verletzt wurden, dann gilt es für alle, auch für uns. Salah Ahmad ist in seiner Erzählung von dem Mann auf ein Geheimnis gestoßen. Es liegt etwas Heilsames darin, einander zu sehen und anzunehmen. Es ist heilsam, den anderen zu sehen und dabei nicht zu beurteilen oder gar zu verurteilen, sondern zu verstehen. Zu fragen: Wie bist du so geworden? Welcher Schmerz und welche Freude haben dich geprägt?

Wenn wir einander so begegnen, dann ist Gott bei uns. Dann tun wir, was Paulus so ausdrückt: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Ehre.“

Paulus schrieb diesen Satz vor langer Zeit an die Gemeinde in Rom. Ihm ging es damals darum, dass jüdische und nichtjüdische Menschen, die als Christen in einer Gemeinde zusammenlebten, einander annehmen und nicht verurteilen. Zur Begründung verwies er auch auf die Schrift, das Alte Testament, die Bibel der Juden:

„Was zuvor geschrieben ist, das ist uns zur Lehre geschrieben, damit wir durch Geduld und den Trost der Schrift Hoffnung haben.“

Die Schrift ist eine Quelle der Hoffnung. Sie erzählt uns Geschichten und zeigt uns Verhaltensweisen, die Hoffnung wecken, weil Gott in ihnen dabei ist. Damals dabei war und heute dabei sein wird.

Wenn wir einander annehmen, dann erfahren wir, dass Gott dabei ist. Einander anzunehmen ist eine Tat der Hoffnung, ist ein Tun mit Zukunft. Nicht weil wir darin perfekt wären, sondern weil Gott diesem Tun Zukunft versprochen hat.

Einander annehmen, das klingt gut und altbekannt, in unseren christlich geschulten Ohren fast schon ein wenig banal. Und doch ist es erstaunlich schwierig. Was hält uns eigentlich davon ab?

Es gibt offensichtlich Widerstände dagegen in uns selbst. Paulus nennt am Beginn des Kapitels die Selbstgefälligkeit. Es gibt in uns Menschen die Tendenz, das eigene Tun und die eigene Lebensweise eher ein bisschen zu unkritisch zu sehen und das Tun und die Lebensweise der anderen eher ein bisschen zu kritisch zu sehen.

Im kulturellen Mainstream wird diese Tendenz massiv verstärkt: Du musst dich durchsetzen. Du musst dir selbst vertrauen, damit du etwas erreichst im Leben. So lauten alltägliche Imperative.

Paulus empfiehlt uns etwas anderes. Denn wer nur sich selbst vertraut, der lebt in der Angst davor, sich selbst zu verlieren. Darum nehmt einander an und vertraut darauf, dass Gott darin bei euch ist. Dadurch wächst Hoffnung. Hoffnung ist ja nichts anderes als Vertrauen, dass Gott es gut macht, heute und in Zukunft. Und zwar gut macht nicht nur für mich, sondern für alle.

Und schaut auf Christus, der auch schon so gelebt hat. Der so sehr aus diesem Trost der Schrift lebte, dass er selbst zu einem Teil der Schrift geworden ist. Darum lesen wir ja bis heute seine Geschichte und inszenieren Jahr für Jahr das Fest seiner Geburt.

„Freude kann man lernen!“, sagt Salah Ahmad. Vielleicht nicht so besonders gut auf dem Weihnachtsmarkt. Aber auf jeden Fall beim gemeinsamen Singen und Gott Loben. Wer gemeinsam singt und Gott lobt, der verzichtet darauf, sich selbst durchzusetzen und lernt, auf die anderen zu hören. Und wenn das gelingt und wir im Klang einander annehmen und so zusammen klingen, dann erleben wir uns selbst neu und intensiv, werden uns selbst neu geschenkt als Teil eines anderen Körpers, der lebt und atmet zu Gottes Ehre.

Was für ein Reichtum an Freude und Frieden! Etwas, das bleibt, auch wenn die Lichterketten längst wieder eingepackt sind. In echt!

[1] Die Zeit Nr. 51/2018, 6. Dezember 2018.

[2] Ebd.

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