Johannes 20,11-18

Ostersonntag

Wohl bis ans Ende meines Lebens werde ich wissen, wo ich war, als mich am Montagabend auf dem Smartphone die Nachricht erreichte: Notre-Dame brennt. Jene Kathedrale im Herzen von Paris, im Herzen von Frankreich, vor deren Türmen ich im Frühjahr 1986 als 14-jähriger Austauschüler saß und staunte, dass es so etwas Schönes gibt.

Dass es eine solche Kirche gibt, eine solche Stadt, überhaupt das Leben in seiner verwirrenden und beglückenden Schönheit.

Darum habe auch ich dieses „innere Beben“ (Emmanuel Macron) gespürt, das viele Menschen beim Anblick der brennenden Kathedrale erschütterte.

Ich habe mich gefragt: Warum berührt mich dieser Verlust so sehr?

Ich glaube, weil mir diese Bilder neu gezeigt haben: So verletzlich sind wir. Hoffnungen und Visionen, die Menschen vor Jahrhunderten in Stein gemeißelt haben, die den Zahn der Zeit und mehrere Kriege überstanden haben, zerfallen in gut drei Stunden zu Staub und Asche.

Unwiederbringliches geht verloren. Das ist so mit jedem Menschen, der stirbt. Hier wurde diese Erkenntnis zeichenhaft vergrößert durch eine Kirche, die vielen Menschen in aller Welt viel bedeutet.

Wohl darum wurde der Brand von Notre-Dame am Beginn der vergangenen Karwoche zu einer globalen Passionsgeschichte. Überall auf der Welt ließen Menschen, beileibe nicht nur Franzosen, ihren Tränen freien Lauf und waren in Trauer und Schmerz miteinander verbunden.

Heute feiern wir Ostern. Und siehe da, es wird immer noch geweint. „Wir wollen alle fröhlich sein“ (EG 100), ja, aber die Tränen fordern doch noch ihr Recht und darum geben wir ihnen Raum mit Maria Magdalena, von der Johannes erzählt.

11 Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Als sie nun weinte, beugte sie sich in das Grab hinein 12 und sieht zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, einen zu Häupten und den andern zu den Füßen, wo der Leichnam Jesu gelegen hatte. 13 Und die sprachen zu ihr: Frau, was weinst du? Sie spricht zu ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen, und ich weiß nicht, wo sie ihn hingelegt haben. 14 Und als sie das sagte, wandte sie sich um und sieht Jesus stehen und weiß nicht, dass es Jesus ist. 15 Spricht Jesus zu ihr: Frau, was weinst du? Wen suchst du? Sie meint, es sei der Gärtner, und spricht zu ihm: Herr, hast du ihn weggetragen, so sage mir: Wo hast du ihn hingelegt? Dann will ich ihn holen. 16 Spricht Jesus zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni!, das heißt: Meister! 17 Spricht Jesus zu ihr: Rühre mich nicht an! Denn ich bin noch nicht aufgefahren zum Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. 18 Maria Magdalena geht und verkündigt den Jüngern: »Ich habe den Herrn gesehen«, und was er zu ihr gesagt habe. (Lutherbibel 2017)

Gleich viermal wird von Marias Weinen erzählt. Anders als die Männer, mit denen sie am ersten Tag der Woche zum Grab gegangen war, ging sie nicht sogleich wieder zu den anderen zurück. Maria blieb und stand draußen vor dem Grab – und weinte.

Wir brauchen solche Orte, wo unsere Trauer und unsere Tränen einen Raum finden. Orte des Gedenkens, wo wir an das denken, was wir verloren haben. Vor allem unsere Friedhöfe und unsere Gräber sind solche Orte. Die Trauer braucht einen Ort, das Gedenken braucht Zeit und Raum.

Dieses Gedenken geht nicht nur mit Erdbestattung im Eichensarg, aber es braucht doch eine Spur von dem Menschen und seiner Geschichte. Das spurlose Verschwinden, das viele Menschen sich heute wünschen, ist ein Symptom unserer Zeit und zugleich ein Zeichen der Hoffnungslosigkeit. Vergessen liegt im Trend. Die Überlebenden wollen schnell zum nächsten Programmpunkt kommen. Doch die Seele kommt da nicht mit.

Und darum weint Maria und geht zum Grab. Sie beharrt auf ihrer Trauer. Sie geht an den Ort des Gedenkens.

Maria hat das Glück, dort Menschen zu treffen, die nachfragen. „Frau, was weinst du?“ Sie redet sich ihren Kummer von der Seele, sie trifft Menschen, denen sie ihre Geschichte erzählen kann, zuerst die Engel, dann den Gärtner.

Unter Tränen bricht die Hoffnung auf, unverhofft, mit einem Wort, mit ihrem Namen!

„Maria“, spricht Jesus. „Rabbuni“, Meister!, antwortet Maria.

Damit ist alles gesagt. Die Anrede Jesu und die Antwort der Maria zeigen uns, was Auferstehung bedeutet. Jesus ruft Maria bei ihrem Namen.

Du, Maria, bist gemeint. Ich kenne dich. Für dich habe ich den Tod überwunden. Für dich lebe ich. Du sollst es hören und glauben. Um dich geht es jetzt.

Maria hört die Stimme Jesu. Es ist schlimm, wenn eine vertraute Stimme nicht mehr zu hören ist, weil der Mensch, dem sie gehörte, nicht mehr lebt. Manchmal hören wir diese Stimme aber dennoch. So wie in der Erzählung von Lutz Friedrichs:

„Hans, unser Kanarienvogel, war gestorben. Es war sehr traurig und für mich als Kind unfassbar, dass er nicht mehr da sein wird. Mein Vater spürte, wie traurig ich war. Und sagte dann diesen Satz: ‚Wir begraben ihn im Hof.‘ Für mich einer der Sätze, die ich nie vergessen werde. Ob mein Vater gewusst hat, was der Hof mir bedeutete? Ich bin mir nicht sicher, aber gespürt hat er es. Es war mein Kindheitsort. Der Hof hinter unserem Laden. Ein Ort der Geheimnisse. Der Freiheit. Der Molche, in der mit Gräsern bepflanzten und Steinen ausgelegten Zinkwanne. … Der Hof: Ein schöner Ort. Es war mein Ort! Und hier fand unser Hansi seinen Platz. Die Stimme, die zu mir sagt: ‚Wir begraben ihn im Hof‘, höre ich noch heute. Sie hat den Stein meiner Trauer zerbrochen oder besser gesagt: meiner Trauer Halt gegeben.“[1]

Maria. Jesus ruft ihren Namen. Die Stimme Jesu gibt ihrer Trauer Halt. Es ist die vertraute und doch neu gehörte Stimme, die jetzt endlich ihre Tränen trocknet, die tröstet und den Weg weist. „Geh hin zu meinen Brüdern“, sagt Jesus und Maria geht und sagt: „Ich habe den Herrn gesehen.“

Maria hat die Stimme des Auferstandenen gehört und ist gewiss geworden: Er lebt!

Auch wir hören diese Stimme heute. Wir hören sie im Wort der Bibel, in den Liedern, die wir singen und in jedem guten Wort, das wir einander sagen, das uns den Weg ins Leben weist.

Auch wir sehen den Herrn im Mahl, in Brot und Wein, in der Gemeinde, die sich um den Altar sammelt. Da, wo der Auferstandene selbst, unser Gastgeber ist.

Und so sagt er auch uns heute:

Maria, geh! Christopher, geh! Caroline, geh! Jan, geh! Karlotta, geh!

Geht, ihr Konfirmanden! Und geht, ihr Eltern und ihr Senioren. Geht zu euren Freunden und Nachbarn und sagt ihnen:

Es gibt Hoffnung. Die Welt ist, trotz allem, ein guter Ort. Denn er lebt!

Du kannst gehen, weil der Auferstandene bei dir ist und mit dir geht.

Manchmal ist das schwer zu glauben, weil wir auf uns selbst schauen und dann sehen, was uns alles hindert. Wunden, die nicht heilen wollen und immer wieder aufbrechen. Die Angst, unsere Ziele nicht zu erreichen, das Leben zu verfehlen. Oder der Zweifel, ob das alles wahr sein kann.

Ja, der Zweifel gehört dazu und wird nie ganz verschwinden. „Rühre mich nicht an“, sagte Jesus zu Maria und zog ihr damit eine Grenze, die auch für uns heute gilt. Wir haben den Auferstandenen, wir haben den lebendigen Gott nicht in der Hand. Wir haben seine Stimme, wir haben Hinweise auf seine Gegenwart, aber wir haben ihn selbst nicht in der Hand. Aber was wäre das für ein Gott, den wir in der Hand hätten? Es könnte doch immer nur ein Götze sein, ein Trugbild vom Leben, eine falsche Sicherheit, die Illusion vom selbstgemachten Glück, die uns im Zweifel ja doch nichts nützt.

Wir können Gott nicht in den Händen haben, ihn nicht manipulieren, auch und gerade nicht, indem wir versuchen, aus dem Auferstandenen eine Weltanschauung zu machen, ein christliches Abendland, ein Bollwerk gegen andere.

Wir können Gott nicht besitzen, aber wir können immer wieder neu auf Gott hören: Maria – Rabbuni, Meister!

Und dann gehen, wohin uns der Weg führt und mit dem Hören und Glauben Erfahrungen sammeln, Teil der Bewegung werden von den vielen Schwestern und Brüdern, die mit uns auf dem Weg sind, mit ihnen trauern und hoffen in einer Welt, die nie mehr ohne Gott sein wird, weil Gott selbst die Tiefen der Gottlosigkeit durchschritten und überwunden hat.

Liebe Gemeinde!

Die globale Passionsgeschichte der Notre-Dame von Paris ist auch eine globale Ostergeschichte. Am Morgen danach schrieb der britische Guardian in seltener, europäischer Einigkeit: „Notre-Dame wird wieder auferstehen.“ Hilfsangebote und Spenden gehen von überallher ein. Menschen aus aller Welt setzen gemeinsam ein Zeichen der Hoffnung.

Solche Zeichen der Hoffnung können wir auch setzen. Ob wir nun Geld für Notre-Dame spenden oder nicht. Das Entscheidende ist, dass wir den Weg des Auferstandenen mitgehen.

Im Gottesdienst geschieht das vor allem in Form von Zeichen und Symbolen. Manchem scheint das zu wenig. Aber diese Zeichen und Symbole, unsere Lieder und Gebete, unsere Bekenntnisse und Versammlungen bereiten den Weg der Nachfolge.

Was wir hier gemeinsam übern, das werden wir auch draußen in der Welt, in unserem Leben tun.

Mal mehr, mal weniger. Aber so ist das eben. Österlicher Glaube ist Glaube auf dem Weg. Hauptsache, wir sind und bleiben unterwegs!

„Ich fahre auf“, sagt Jesus zu Maria.

Lasst uns einstimmen und singen:

„Auf, auf, mein Herz, mit Freuden“ (EG 112).

[1] Lutz Friedrich: zur Stelle. In: Predigtstudien für das Kirchenjahr 2018/2019. Hg. v. Wilhelm Gräb u.a. Perikopenreihe I – Erster Halbband. Hamburg 2018, 239-242, hier 240.

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