Johannes 16,23b-28.33

Rogate 

„Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz? My friends all drive Porsches, I must make amends“. Janis Joplin, die Blues-Sängerin, nahm diesen Song am 1. Oktober 1970 in Los Angeles auf. Drei Tage später war sie tot. Gestorben im legendären Alter von 27 Jahren an einer Überdosis. Legendär wurde auch ihr Song.

O Herr, würdest Du mir einen Mercedes Benz kaufen? Meine Freunde fahren alle Porsche, ich muss Fortschritte machen.

Eigentlich ein konsumkritischer Text, mit dem Janis Joplin eine Gesellschaft anklagte, die ihr Glück in Macht, Besitzstreben und Statussymbolen sucht. Dass dieser Song von besagtem Autobauer nachträglich zu Werbezwecken eingesetzt wurde, ist eine besondere Ironie der Geschichte.

Gewöhnlich wird übersehen, dass der Text nicht nur das Konsumverhalten der Gesellschaft kritisiert, sondern auch eine Frömmigkeit, die sich dieser Gesellschaft ganz und gar angepasst hat und überhaupt nicht zögert, Gott anzurufen, wenn es um die eigenen Wünsche geht.

Jetzt werden Sie vielleicht abwinken und sagen: Mercedes-Benz ist gar nicht mein Thema. Ich habe Gott noch nie mit dem Wunsch nach einem Auto behelligt. Das mag sein. Und dennoch stellt sich die Frage: Wie beten wir? Und wie verhält sich unser Beten zu unserem Glauben?

Der Predigttext für den heutigen Sonntag gibt uns Hinweise dazu. Er steht im Johannesevangelium im 16. Kapitel. Ich lese die Verse 23b-28 und 33.

Jesus sprach zu seinen Jüngern: 23 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn ihr den Vater um etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben. 24 Bisher habt ihr um nichts gebeten in meinem Namen. Bittet, so werdet ihr empfangen, auf dass eure Freude vollkommen sei. 25 Das habe ich euch in Bildern gesagt. Es kommt die Stunde, da ich nicht mehr in Bildern mit euch reden werde, sondern euch frei heraus verkündigen von meinem Vater. 26 An jenem Tage werdet ihr bitten in meinem Namen. Und ich sage euch nicht, dass ich den Vater für euch bitten werde; 27 denn er selbst, der Vater, hat euch lieb, weil ihr mich liebt und glaubt, dass ich von Gott ausgegangen bin. 28 Ich bin vom Vater ausgegangen und in die Welt gekommen; ich verlasse die Welt wieder und gehe zum Vater. 33 Dies habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden. (Lutherbibel 2017)

Diese kleine Rede Jesu an seine Jünger steht im Johannesevangelium im Zusammenhang der Abschiedsreden Jesu. Jesus verabschiedet sich von seinen Jüngern und weist sie auf eine kommende Zeit hin, auf die Zeit der Gemeinde, in der er nicht mehr leiblich bei ihnen sein wird. Jesus geht wieder zum Vater, zu Gott. Dennoch ist die Gemeinde nicht sich selbst überlassen, sondern der Heilige Geist ist bei ihr und verkündigt Christus, den Auferstandenen.

Wenn wir, liebe Gemeinde, dieses Zeugnis hören und glauben, dann ist der Tag gekommen, an dem wir bitten in Jesu Namen. Und diese Bitte in Jesu Namen hat eine besondere Verheißung.

Jesus selbst spricht diese Verheißung aus: „Wenn ihr den Vater etwas bitten werdet in meinem Namen, wird er’s euch geben. … Bitte, so werdet ihr empfangen, auf dass eure Freude vollkommen sei.“

Nun liegt auf der Hand, dass der Mercedes-Benz, so schön er auch sein mag, wahrscheinlich eher nicht zu den Dingen gehört, um die wir ernsthaft im Namen Jesu bitten könnten. Denn im Namen Jesu bitten, das heißt in der Gewissheit bitten:

Gott wird diese Bitte hören und erfüllen.

Es ist ein Geschenk des Glaubens, wenn wir mit der Zeit ein Gespür dafür entwickeln, was es heißt, im Namen Jesu zu beten. Oder anders gesagt: Welche Bitten tatsächlich mit der Verheißung verbunden sind, dass Gott sie erfüllt. Dieses Gespür zu entwickeln, das ist ein lebenslanger Lernprozess. Und ich bin wirklich froh, dass wir in diesem Lernprozess nicht bei null anfangen müssen, sondern auf Lehrerinnen und Lehrer der Kirche zurückgreifen können.

Für mich gehört dazu auch immer wieder Martin Luther. Trotz all‘ seiner offenkundigen Schwächen und Fehler war er ein Mensch, der Erfahrungen des Glaubens an andere weitergeben wollte und konnte. Besonders gut ist ihm dies in seiner Auslegung des Vaterunser-Gebets gelungen.

Sie finden diese Auslegung übrigens im sog. „Kleinen Katechismus“ (1529), der unter der Nr. 855.3 auch in unserem Evangelischen Gesangbuch (1996) abgedruckt ist.

Auf zwei Stellen möchte ich genauer eingehen.

Die zweite Bitte des Vaterunser-Gebets lautet: Dein Reich komme.

In seiner Auslegung dazu schreibt Martin Luther: „Gottes Reich kommt auch ohne unser Gebet von selbst, aber wir bitten in diesem Gebet, dass es auch zu uns komme.“

Damit sagt Luther: Es hängt nicht von uns selbst ab, von unserem Gebet, von unserer Frömmigkeit oder von unserem Handeln, ob Gott sich in dieser Welt durchsetzt mit seinem Willen und seinem Wirken. Das macht er ganz allein. Aber wir können und sollen darum bitten, dass wir mit unserem Leben ein Teil von diesem Wirken Gottes in der Welt sind. Dass wir nicht im Schatten von diesem Wirken stehen, sondern in seinem Licht. Dass wir nicht abgeschieden sind von Gottes Wirken, sondern davon profitieren, uns von Gott dienen lassen mit den Gaben, die er seinen Geschöpfen schenkt.

Welche Gaben sind das?

Dazu schreibt Luther etwas in seiner Auslegung der vierten Bitte: Unser tägliches Brot gib uns heute.

Tägliches Brot, schreibt Luther, ist nicht nur das, was wir essen, sondern „alles, was not tut für Leib und Leben“, und dann zählt er auf:

„Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue und dergleichen.“

Also das alles und noch viel mehr ist das tägliche Brot. Eben alles das, was wirklich lebensnotwendig ist, die echten Bedürfnisse, die wir als Geschöpfe zu Recht haben.

Sie merken, liebe Gemeinde, Luther trifft in seiner Auslegung des Vaterunsers einige hilfreiche Unterscheidungen. Es ist zum einen die Unterscheidung zwischen dem, was Gott allein tut, und dem, was wir tun können. Und es ist zum anderen die Unterscheidung zwischen dem, was für uns gut und notwendig ist, was wir wirklich zum Leben brauchen, und dem, was vielleicht wünschenswert und angenehm ist, aber nicht wirklich notwendig für ein gutes Leben.

Es liegt wiederum auf der Hand, dass viele unserer Bedürfnisse Wünsche in diesem zweiten Sinne sind. Eine ganze Industrie ist darauf spezialisiert, mittels Werbung Wünsche in uns zu wecken. Jede Socke und jedes Hemd wird mit Gefühlen verkauft, erst recht jede Lampe und jedes Auto. Angeblich sind all‘ diese Dinge nur dazu da, um Dich glücklich zu machen. Vorausgesetzt Du kaufst sie.

Damit will ich übrigens diese Wünsche überhaupt nicht schlechtreden. Ich habe auch solche Wünsche. Aber ich will sie relativieren, in ihrer begrenzten Bedeutung sichtbar machen.

Ich wünsche mir einen Mercedes-Benz, aber ich brauche keinen und ich bete auch nicht dafür.

Andererseits wünsche ich mir Gesundheit, ich bete dafür und verhalte mich nach Möglichkeit so, dass ich das meine dazu tue, gesund zu bleiben.

Zu den Anliegen, für die es sich zu beten lohnt, gehören ganz sicher auch eine gute Regierung und Frieden. Politik und Frömmigkeit kann man zwar unterscheiden, aber nicht trennen. Denn Frieden ist unteilbar. In einer Welt, die in Trümmern liegt, ist auch der Seelenfrieden in Gefahr. Und umgekehrt gilt: Die Freiheit zum Glauben ist auch ein Kind des Friedens.

Heute findet in Deutschland die Wahl zum Europäischen Parlament statt. Wir sind –Gott sei Dank – heute in der Lage, für eine gute Regierung und Frieden zu beten und auch selbst etwas dafür zu tun. Wer für eine gute Regierung betet, wird auch zur Wahl gehen. Und wer für den Frieden betet, wird Parteien wählen, die sich für den Frieden einsetzen.

Darum: Gehen Sie heute wählen!

Wählen Sie Parteien, die für Demokratie und eine offene Gesellschaft stehen!

Geben Sie populistischen Parolen eine Absage.

Setzen Sie ein Zeichen für ein zukunftsfähiges Europa!

Und für ein solches Europa kann man auch beten!

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