Lukas 10,29-37

Konfirmation

Es ist jedes Jahr dasselbe. Das Konfirmandenjahr fliegt nur so davon. Kaum kann ich Alexander von Alexander unterscheiden oder Carlotta mit C von Karlotta mit K, stehe ich auch schon hier und feiere mit Euch Konfirmation. Mir ist natürlich klar, dass sich das Konfirmandenjahr in Eurem Zeitempfinden möglicherweise etwas anders anfühlt. Konfirmandenarbeit bedeutet auch, hoffentlich nicht nur, aber auch einen Verlust an Freizeit. Und Freizeit ist natürlich immer zu knapp bemessen. Umso schöner ist, dass Ihr dabei geblieben seid und wir diesen Tag heute gemeinsam feiern können.

Mir gibt die Konfirmation auch die Gelegenheit, noch einmal zurückzuschauen auf das Konfirmandenjahr und dem nachzuspüren, was wir miteinander erlebt haben. Ein echter Höhepunkt war für mich die Konfirmandenfahrt ins Wilhelm-Kliewer-Haus nach Mönchengladbach. Vier Tage lang haben wir dort miteinander gelebt und gearbeitet zum Thema Abendmahl. Am Ende der Fahrt, vor allem bei dem Gottesdienst, den wir miteinander gefeiert haben, ist für mich deutlich spürbar geworden, dass das Thema Abendmahl, Gemeinschaft nicht nur ein Thema geblieben ist, sondern Realität geworden ist unter uns, wenigstens für den Moment. Daran denke ich gerne zurück.

Dass Gemeinschaft für Euch wichtig ist, das ist mir auch noch an einer anderen Stelle aufgefallen. Bei der Konfirmandenfahrt haben wir abends, am Ende des Tages, ein Lied von den Wise Guys gehört:

„Am Ende des Tages, wenn die Nacht beginnt, denkst du an die Menschen, die dir wichtig sind, lehnst dich zurück, machst die Augen zu, wen siehst du?“

Wir holen den Moment noch mal kurz hierhin in die Matthäikirche. Lehnt Euch noch mal zurück, macht die Augen zu und schaut. (Hier der Link zum Lied.)

Wen habt Ihr gesehen? Müsst Ihr nicht verraten!

Ich vermute, es waren auch Eltern und Geschwister dabei, bestimmt Freundinnen und Freunde, jedenfalls Mitmenschen, die Euch wichtig sind.

Bestimmt sind einige von denen auch hier heute, bei Eurer Konfirmation, die ja tatsächlich auch so etwas wie ein großes Familienfest ist.

Dass die Konfirmation und vor allem die Sache mit Gott aber zugleich noch mehr ist als ein Familienfest, daran erinnert uns die Geschichte über Jesus, die wir eben in der Schriftlesung gehört haben. Sie steht, wie könnte es anders sein, im Lukasevangelium, in unserem Evangelium, das wir im Konfirmandenjahr gelesen haben. Darum kennt Ihr die Geschichte.

Für alle, die sich vielleicht nicht mehr so ganz genau erinnern können, habe ich die Wortwolke zu dieser Geschichte im Programm abgedruckt.

Und für alle, die nicht so ganz vertraut mit Wortwolken sind, erkläre ich kurz, wie sie funktionieren. Die Konfirmandinnen und Konfirmanden haben diejenigen Wörter aus der Geschichte, die ihnen besonders wichtig sind, auf Karten geschrieben. Anschließend haben wir gezählt, welche Wörter besonders oft genannt wurden. Und im Internet gibt es eine Wortwolken-Maschine, die die häufig genannten Wörter groß schreibt und die selten genannten Wörter klein. Wortwolken stellen also die bekannte Redensart dar: Etwas wird großgeschrieben, d.h. ihm wird große Bedeutung beigemessen, oder eben etwas weniger Bedeutung.

Ihr habt großgeschrieben: Gesetz, Pflege, Mitmensch, Verwundet, Mitleid.

Im Mittelpunkt steht der Mitmensch. Das ist zum einen der Mitmensch, von denen die Wise Guys singen. Die, die wir am Ende des Tages vor Augen haben, Familie und Freunde. Und es ist gut, dass wir sie vor Augen haben.

Doch Jesus erweitert die Frage nach dem Mitmenschen.

Seine Frage lautet nicht nur: Wer ist mein Mitmensch? Wen habe ich da vor Augen?

Seine Frage lautet auch: Für wen will ich zum Mitmenschen werden? Um wen will ich mich kümmern? Das schließt Freunde und Familie ja gar nicht aus, zieht aber den Kreis weiter. Es kommen andere Menschen in den Blick. Die, mit denen wir weder befreundet noch verwandt sind, die aber unsere Hilfe brauchen.

Und spätestens hier, liebe Gemeinde, wird es ja ein bisschen kritisch und auch politisch. Denn die Einwände gegen die Geschichte vom Barmherzigen Samariter liegen auf der Hand. Sie kommen blitzschnell, sind tausendmal gehört und nachgesprochen, gut geölt liegen sie in den Arsenalen unserer Argumente.

„Wir können nicht die ganze Welt retten“, hören wir beispielsweise, wenn es um Flüchtlinge geht.

Und schon stehen diejenigen unter Generalverdacht, die helfen wollen und noch erreichbar sind für das Leid des Mitmenschen.

Ich bin überzeugt, dass es zur moralischen Grundausstattung des Menschen gehört, Mitleid empfinden zu können. Kinder sind dazu ganz natürlich in der Lage. Das Weinen der anderen geht sie an. Die Wunde am Knie des anderen ist selbstverständlich Tagesgespräch.

Wann sind wir eigentlich so zynisch geworden, liebe Gemeinde, oder so abgestumpft, dass wir achtlos vorübergehen können am Leid der anderen?

Kam diese Abstumpfung am Ende mit dem vielbeschworenen Erwachsenwerden?

Zum Mitleiden gehört ja übrigens nicht nur das Leid der Mitmenschen, sondern überhaupt der Mitgeschöpfe, ja der ganzen Schöpfung.

Es wundert mich nicht, dass „Fridays for Future“ eine Bewegung junger Menschen ist, von Schülerinnen und Schülern, die der unter die Räuber gefallenen Schöpfung beistehen, während mancher Erwachsene sich noch verwundert fragt, warum dieses Klimathema jetzt plötzlich zu einem weltweiten Thema geworden ist.

Die Antwort ist einfach: Wer jung ist, hat das Mitleid noch nicht verlernt.

Die Fähigkeit zu Mitgefühl und Mitleid ist dabei kein Privileg von einigen wenigen. Manchmal lassen es gerade diejenigen vermissen, von denen wir es am ehesten erwarten In der Geschichte vom Reisenden aus Samaria ist es ja gerade der schlecht angesehene Andersgläubige, der dem unter die Räuber Gefallenen hilft. Offen wird das Versagen der Kirchenmänner angesprochen, des Priesters und des Leviten. Dieses Versagen wiederum ist aber auch kein Anlass zur Schadenfreude oder zum Gefühl moralischer Überlegenheit, sondern führt am Ende zur Aufforderung Jesu:

„Geh und mach es ebenso.“

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden!

Ihr ahnt es: Dies könnte das Ende der Predigt sein. Geht und macht es ebenso!

Wahrscheinlich würde ich damit meiner Rolle sogar am ehesten gerecht. Der Pfarrer mit dem moralischen Appell. Aber einen letzten Schlenker, eine letzte fromme Wendung erlaube ich mir noch. Und hier kommt er ins Spiel.

Jesus-Brett 2018-09-11

(Die Jesus-Figur in der Thomaskirche in Mörsenbroich.)

Jesus!

In Gestalt dieser Figur ist er im Konfirmandenjahr immer bei uns gewesen. Die Figur hat uns daran erinnert, dass alles, was wir in der Kirche glauben und tun, irgendwie mit ihm zu tun hat. Heute erinnert sie uns an Jesus, den Mitmenschen, der das, wozu er uns aufruft und ermutigt, selbst auch gelebt hat. Der sogar dafür gestorben ist und jetzt bei Gott für uns eintritt.Weil es ihn gibt, möchte ich nicht mit einem Appell aufhören, sondern mit einer Bitte.

Wir, die versammelte Gemeinde, bitten heute:

Komm, Herr Jesus, und geh mit unseren Konfirmandinnen und Konfirmanden.

Begleite sie auf ihrem Lebensweg.

Erhalte ihnen ihre Mitmenschlichkeit.

Bewahre sie vor der Abstumpfung der Erwachsenen.

Öffne ihnen die Augen und das Herz für die Menschen auf ihrem Weg.

Halte ihren Verstand wach, mach ihre Hoffnung groß und stärke ihre Liebe.

 

 

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