Lukas 5,1-11

5. Sonntag nach Trinitatis

Vor zwei Jahren, auf dem Höhepunkt des Reformationsjahrs 2017, ertönte ein Paukenschlag aus Köln. Der Erzbischof Rainer Maria Woelki erhob Einspruch. In der Oktober-Ausgabe der Herder Korrespondenz, einer katholischen Monatszeitschrift,  forderte er pünktlich zum Reformationstag mehr „Ehrlichkeit in der Ökumene“[1].

Was war geschehen? Wenn jemand Ehrlichkeit einfordert, könnte man das so verstehen, als sei vorher gelogen worden. Was also hatte den Zorn des Kölner Erzbischofs geweckt? Schuld an der erzbischöflichen Aufregung war der zunächst unverdächtig wirkende Name „Christusfest“. Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Reinhard Marx hatten sich überlegt: Wir feiern das Reformationsjubiläum 2017 ökumenisch, weil es „im Kern ein Christusfest [ist], das die Botschaft von der freien Gnade Gottes ausrichten will an alles Volk“. Diese Idee eines gemeinsamen Christusfestes fand nun Rainer Maria Woelki nicht so ganz überzeugend. Er hatte offenbar den Eindruck gewonnen, das damit eine Einheit der katholischen und evangelischen Kirche inszeniert werden sollte, die durch ihre jeweiligen theologischen Grundlagen nicht gedeckt ist. Insbesondere nahm er Anstoß an einem bestimmten, evangelischen Modell der kirchlichen Einheit. Das Modell der „versöhnten Verschiedenheit“ kritisierte er, weil er meinte, es stehe hinter der Idee des gemeinsamen Christusfestes. Der Kardinal schrieb wörtlich: „Wer damit [mit dem Modell „versöhnte Verschiedenheit“] die bisher konfessionsbegründenden Unterschiede in wechselseitig bereichernde Dimensionen umdeutet, darf sich über den Vorwurf des Etikettenschwindels nicht wundern.“[2] Also darum ging es: Etikettenschwindel! Woelki fürchtete, beim gemeinsamen Christusfest solle nach 500 Jahren Reformation die Kirchenspaltung unter der Hand zu etwas Positivem umgedeutet werden. Aus dem schuldhaften Abfall der Protestanten von der einen und wahren katholischen Kirche solle ein buntes Fest der Vielfalt gemacht werden, bei dem alles, was die Eintracht stören könnte, unter den Teppich gekehrt würde. Nicht mit mir, sagte sich der Kardinal aus Köln, und schrieb flugs auf, was ihn alles an den Protestanten störte. Sie können sich denken, dass da eine Menge zusammenkam. So viel, dass wir es hier und heute nicht klären können. Nur eine Sache soll heute aus gegebenem Anlass Thema sein. Ausgerechnet auf Karl Barth berief sich nämlich der Kardinal. Er schrieb: „Aus guten Gründen hat Karl Barth die Spaltungen der Christenheit als Objektivationen der Sünde bezeichnet und deren Überwindung als notwendige Voraussetzung jeder Art von Wiedervereinigung erklärt.“[3] Wie konnte das passieren, dass einer der wichtigsten evangelischen Theologen des 20. Jahrhunderts zum Kronzeugen des katholischen Kardinals wurde? Und, vielleicht wichtiger noch, berief Woelki sich eigentlich zu Recht auf Barth? Die kurze Antwort auf diese Frage lautet: Karl Barths Theologie hat tatsächlich eine ökumenische Dimension. Sie ist nicht einfach evangelisch in dem Sinne, dass ihre Geltung auf den Bereich der evangelischen Kirche beschränkt wäre oder sie etwa nur evangelische Themen behandeln würde. Barths Theologie ist vielmehr ökumenisch, weil sie eine „auf die ganze Gemeinde ausgerichtete Theologie“ ist[4]. Und zu dieser ganzen Gemeinde gehört die römisch-katholische Kirche auf jeden Fall dazu. Für die lange Antwort auf diese Frage hole ich nun ein bisschen weiter aus und erzähle die Geschichte von Karl Barths Begegnungen mit dem Katholizismus. Denn aus dieser Geschichte lässt sich einiges darüber lernen, warum und inwiefern Barths Theologie ökumenisch ist.

Karl Barth war im Jahr 1925 als Theologieprofessor an die Universität Münster berufen worden. Zuvor hatte er, der ehemalige Gemeindepfarrer aus dem schweizerischen Safenwil, ab 1921 als außerplanmäßiger Professor Theologie in Göttingen gelehrt. Im Rückblick sah Barth die Bedeutung seiner Zeit in Münster vor allem in der Begegnung mit einer, wie er sich ausdrückte, „sehr beachtlichen Form des römischen Katholizismus“[5]. Konkret meinte Barth damit unter anderem die Begegnung mit dem katholischen Religionsphilosophen Erich Przywara. Der Jesuit Przywara und Barth trafen einander persönlich im Jahr 1929 im Rahmen eines theologischen Seminars von Barth. Barth war beeindruckt von Przywaras intellektueller Brillanz und schrieb in einem Brief an seinen Freund Eduard Thurneysen: „Erich Przywara S.J. hat einen zweistündigen Vortrag gehalten über die Kirche, der kunsthandwerklich betrachtet, einfach ein Leckerbissen, ein Meisterstück war … Du mußt dir ein kleines Männchen mit einem großen Kopf vorstellen … ein Männlein, das auf alles, aber auch alles, was man ihm sagt, alsbald eine immer irgendwie gescheite und die Sache in irgendeiner Weise treffende Antwort wohldisponiert vorzutragen weiß“.[6] Barth war also beeindruckt von der Gelehrsamkeit und Brillanz dieses katholischen Theologen und Ordensmannes. Darum nahm er unbedingt ernst, was dieser zu sagen hatte, auch wenn er ihm nicht in allem zustimmen konnte. Zugleich wurde sich Barth in dieser Phase seines Wirkens in Göttingen der Zufälligkeit und Bedingtheit des eigenen konfessionellen Standpunkts bewusst. Er war eben evangelischer, genauer reformierter Theologe. Und als solcher musste er Theologie lehren. Er schrieb darüber in demselben Brief an Eduard Thurneysen, er müssen lehren „von der zugewiesenen kirchlichen Ecke aus, deren Relativität man sich zehnmal im Tage mit Schrecken bewußt wird“.[7]

Beide Erfahrungen aus dieser Münsteraner Zeit waren wichtig für Barth. Die Begegnung mit einem der vielleicht klügsten Köpfe der damaligen katholischen Theologie und ein klares Bewusstsein dafür, dass die eigene kirchliche Prägung und der eigene theologische Standpunkt immer relativ sind, dass sie nicht die letzte Autorität und Gültigkeit für sich beanspruchen können. Dennoch konnte Barth sich kritisch über die katholische Theologie und Kirche äußern und war darin wie üblich sehr klar. Zum einen betrachtete Barth tatsächlich, wie eingangs von Woelki zitiert, die Vielfalt der christlichen Konfessionen nicht als Ausdruck von Reichtum, sondern als Problem. Konkret: Die Kirchenspaltung sei Ausdruck und Folge menschlicher Schuld. Nun aber nicht etwa Schuld gegenüber der römisch-katholischen Kirche, sondern Schuld gegenüber Christus. Barth meinte: „Ausgangspunkt für ein neues Zusammenleben der Konfessionen müsse die bereits in Christus gegebene Einheit sein. Deshalb könne die Einigung der Konfessionen nicht von Menschen gemacht, ‚sondern nur im Gehorsam gegen die in Jesus Christus schon vollzogene Einheit der Kirche gefunden und anerkannt werden.‘“[8] Dieser Einsicht sollte Barth im weiteren Verlauf seines Lebens und Wirkens treu bleiben. Christus selbst ist unsere Einheit. Eine Einheit der getrennten Kirchen kann es darum nur geben, wenn diese sich von ihrem jeweiligen Ort aus aufmachen zu Christus. Eine bloß organisatorische Wiedervereinigung der Kirchen ohne diesen Aufbruch zu Christus war in Barths Augen in der Tat sinnlos. Und so konnte er auch durchaus hart sein in seinem Urteil gegenüber der katholischen Kirche, wo er diesen Aufbruch zu Christus vermisste. Im Jahr 1948 hielt Barth den theologischen Eröffnungsvortrag bei der Gründungsversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Amsterdam. Die römisch-katholische und die russisch-orthodoxe Kirche nahmen daran nicht teil. Barth begrüßte dies und begründete dies damit, mit diesen beiden seien Kirchen weggeblieben, die „die Bewegung von allem Kirchentum weg zu Jesus Christus hin nicht vollziehen wollen“[9]. Und Barth begründete dies in einer weiteren Ansprache so: „Dort, wo man nicht mehr an Jesus allein, sondern an Jesus und Maria glauben, dort, wo man auf Erden eine unfehlbare Autorität aufrichten und sich selber als solche gebärden will, da können wir unsererseits nur ebenso bestimmt Nein sagen“[10]. An dieser Stelle wird noch einmal das Kriterium der Barth’schen Theologie erkennbar. In der Barmer Theologischen Erklärung aus dem Jahr 1934 hatte er es so formuliert: „Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben.“[11] Die Barmer Theologische Erklärung mit ihrem zentralen Bezug auf Jesus Christus wurde das Bekenntnis derjenigen Christen, die sich gegen die nationalsozialistische Gleichschaltung der Kirche zur Wehr setzten. Sie ist heute auch Bestandteil der Bekenntnisschriften unserer Evangelischen Kirche im Rheinland und damit prägend für unsere Kirche.

Erst gegen Ende seines Lebens kam Barth noch einmal zu einer Neubewertung der römisch-katholischen Kirche. Denn er sah Anzeichen für einen neuen Aufbruch zu Christus in den Veränderungen, die sich im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils vollzogen. Von 1962 bis 1965 fand dieses Reformkonzil in Rom statt. Barth wurde von offizieller Seite als Beobachter zum Konzil eingeladen, konnte jedoch aus gesundheitlichen Gründen nicht teilnehmen. Erst im Jahr 1966 kam es zu einem Besuch Barths in Rom, wo er von Papst Paul VI. empfangen wurde. „Sie sprachen unter anderem über die Frage, wie die Formulierung ‚fratres sejuncti‘, ‚getrennte Brüder‘, in den Konzilstexten gemeint sei, die für die Kirchen verwendet wurde, die nicht mit der katholischen Kirche vereint waren. … Er war beeindruckt von der Persönlichkeit des Papstes und seiner Demut, die sich auch darin zeige, dass er sich in den Konzilstexten nicht als … ‚Stellvertreter Christi‘ bezeichnete, sondern schlicht als ‚Bischof, Diener der Diener Gottes‘.“ Sein Gastgeschenk widmete Barth dem Papst durchaus frech folgendermaßen: „Im gemeinsamen Dienst des einen Herrn widmet dies Buch dem Bischof Paul VI., dem niedrigsten Diener Gottes, der getrennte Bruder Karl Barth.“[12]

Was lernen wir heute aus diesen Geschichten? Ich glaube, es braucht tatsächlich „Ehrlichkeit in der Ökumene“. Diese ist nicht nur eine Forderung aus Köln. Sondern sie ist, wie auch Karl Barth eindrücklich gezeigt hat, Ausdruck unserer eigenen Verbundenheit mit Christus. Denn es geht um die Verbundenheit mit ihm. Sie steht im Mittelpunkt unseres Lebens und Glaubens und kann nicht durch gutgemeinte, aber letztlich falsche ökumenische Rücksichten ersetzt werden. Wie in der Liebe bringen uns auch in der Ökumene Liebeslügen nicht weiter. Aber wir können von Karl Barth auch lernen, dass jede Kirche, auch unsere eigene, in ihrem Blickwinkel auf die Wahrheit beschränkt ist. Darum ist es gut, dass wir weiter voneinander lernen und miteinander aufbrechen zu Christus. „Unsere jeweiligen konfessionellen Traditionen können nie mehr etwas anderes sein als Wege zur Neuentdeckung von Christus selbst.“[13] Darum geht es also.

Zum Schluss lade ich Sie ein, mit diesem Christus und seinen Jüngern auf den See Genezareth zu rudern. Im Evangelium haben wir eben die Geschichte vom Fischzug des Petrus gehört. Nehmen wir tatsächlich einmal an, Simon Petrus sei der spätere Bischof von Rom, der erste der Päpste, der Diener der Diener Gottes. Da sitzt er also wieder in seinem Kirchenschiff. „Fahre hinaus, wo es tief ist“, hatte Christus ihm gesagt. Und Simon fuhr dorthin, obwohl er schon die ganze Nacht zuvor gefischt und nichts gefangen hatte. Er fuhr „auf dein Wort“, wie er zu Christus sagte, und machte den Fang seines Lebens. Als die Netze zu reißen begannen, rief Petrus den „Gefährten, die im andern Boot waren, sie sollten kommen und ihnen ziehen helfen“. Nehmen wir mal einen Moment an, das seien wir, die evangelischen Christen. Wir sitzen also im andern Boot und kommen dem Petrus zu Hilfe. Möglicherweise wird dieses andere Boot sogar von einer Kapitänin gesteuert. Ausgerechnet dem Petrus kommt es zu Hilfe, diesem machthungrigen und selbstbewussten Großmaul, diesem Besserwisser und Gernegroß, den wir vor unseren Augen sinken sehen. „Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.“ Oh ja, wir selbst haben ja auch gehörig Schlagseite, bekommen es mit der Angst zu tun dort draußen, wo es tief und gefährlich ist auf dem See. Und dann kommt er und spricht zu uns beiden: „Fürchte dich nicht. Von nun an wirst du Menschen fangen.“ Wenn die Boote unserer Kirchen schwanken, wenn uns die Angst überkommt, sie könnten sinken, dann ist das nicht die Stunde der Schadenfreude über das Leck im anderen Boot. Sondern dann ist der Augenblick gekommen, einander beizustehen. Kritisch, solidarisch und vor allem hörend auf die Stimme Jesu, der uns ruft und sendet. Nicht damit unsere Boote voll werden, sondern dieses Netz soll voll werden, das wir Reich Gottes nennen. Denn die Boote vergehen, aber sein Reich kommt.

[1] Rainer Maria Woelki: Ehrlichkeit in der Ökumene. Das Verhältnis von Katholiken und Lutheranern im Reformationsjahr. In: Herder Korrespondenz 10/2017, 13-16.

[2] Woelki: Ehrlichkeit, 14.

[3] Ebd.

[4] Michael Weinrich: Karl Barth. Leben – Werk – Wirkung. Göttingen 2019, 40.

[5] Christiane Tietz: Karl Barth. Ein Leben im Widerspruch. München 2018, 178.

[6] Barth-Thurneysen Briefwechsel 1921-1930 (GA V.4), 651 f.

[7] A.a.O., 650.

[8] Tietz: Karl Barth, 348 mit einem Zitat von Karl Barth: Die Kirche und die Kirchen (1935).

[9] Karl Barth: Die Unordnung der Welt und Gottes Heilsplan. Zit. nach Tietz: a.a.O., 349.

[10] Karl Barth: Unsere reformierten Kirchen und der Weltrat der Kirchen. Zit. nach Tietz: ebd.

[11] 1. These; zit. nach EG 858.

[12] Zit. nach Tietz: a.a.O., 408.

[13] Heinrich Bedford-Strohm: Radikal lieben. Anstöße für die Zukunft einer mutigen Kirche. Gütersloh 2017, 184.

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