Hiob 14,1-6.13

Ratschläge sind auch Schläge. Bestimmt kennen Sie auch Situationen, auf die dieses Sprichwort zutrifft. Zum Beispiel diese: Sie treffen einen guten Freund oder eine Freundin, und Sie werden gefragt, wie es Ihnen geht. Sie erzählen die neuesten Ereignisse aus Ihrem Leben und wie es Ihnen damit geht – und sagen wir, Sie haben etwas erlebt, was Sie traurig macht. Und dann sagt die Freundin so etwas wie:
„Ach, mach’ dir doch nichts draus. Der ist doch ein Idiot. Du solltest dir das nicht so zu Herzen nehmen. Lass’ dich nicht ins Bockshorn jagen.“

Sie atmen tief ein und wieder aus. Eigentlich wollten Sie nur die Frage beantworten „Wie geht es dir?”. Sie wollten die Freundin an Ihrem Leben teilhaben lassen, aber Sie hatten nicht die Absicht, eine kostenlose Diagnose, einen Rat oder eine Handlungsanweisung zu bestellen.

Ungebetene Ratschläge sind auch Schläge. Es sind Grenzverletzungen – jemand trampelt in meinen Vorgarten. Es ist so, als ob der andere mir nicht zutraut, selbst auf die Lösung zu kommen. Und es ist gar nicht so leicht, damit umzugehen.

Soll man für den ungebetenen Ratschlag danken, obwohl man keine Dankbarkeit, sondern Befremden empfindet? Oder geradeheraus für sich einstehen und sagen: „Danke, aber eigentlich wollte ich gar keinen Rat. Ich habe nur deine Frage beantwortet, um dich an meinem Leben teilhaben zu lassen.“

Mit ungebetenen Ratschlägen sah sich auch Hiob konfrontiert. Hiob, der vom Schicksal schwer Geschlagene. Er hatte alles verloren, was sein Leben ausmachte. Geld und Gut, Frau und Kinder. Eine unvorstellbare, verzweifelte Lage!

Und dann kamen auch noch seine Freunde und meinten, sie müssten Hiob sagen, warum all‘ dies passiert ist.

„Denk mal genau nach, Hiob, du hast bestimmt irgendwann in deinem Leben einen Fehler gemacht, eine Schuld auf dich geladen, mit der du Gott so sehr erzürnt hast, dass er dich strafen musste.“ – Na, vielen Dank, hat Hiob da bestimmt gedacht. Das war jetzt genau der Ratschlag, den ich noch brauchte.

Wie gut, dass Hiob sich von den ungebetenen Ratschlägen seiner Freunde nicht entmutigen ließ. Vor allem ließ er es sich nicht nehmen, selbst nachzudenken, auf der Spur seiner eigenen Empfindungen und Gedanken zu bleiben.

Der heutige Predigttext gibt uns einen Einblick in Hiobs eigene Gedankenwelt.

Ich lese aus Hiob 14:

1 Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, 2 geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. 3 Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. 4 Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! 5 Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: 6 so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

Hiob spricht aus, was grundlegend ist für unser Leben als Menschen: die Endlichkeit unseres Lebens.

Kinder haben oft einen ausgeprägten Sinn für diese Endlichkeit.

Sie wissen: Menschen sterben und sind dann nicht mehr unter uns.

Es ist gut, ihnen diesen Realismus nicht auszureden, sondern sie darin zu unterstützen, gerade auch dann, wenn sie trauern.

Im Laufe unseres Lebens tritt dieser Sinn für die Endlichkeit oft in den Hintergrund. Wir verdrängen unser Wissen darum, dass das Leben einmal zu Ende geht.

Es gibt Phasen im Leben von Jugendlichen, in denen sie sich geradezu für unsterblich halten. So spürbar ist die drängende Kraft, mit der sie ins Leben stürmen, dass der Gedanke an Tod und Vergänglichkeit gar keinen Platz hat.

Diese Phase hat ihre Berechtigung. Wenn sie denn eine Phase bleibt!

Unser Wirtschaftssystem, der kräftigste Impulsgeber für das Selbstverständnis der Menschen in unserer Gesellschaft, honoriert ja eher das ständige Überschreiten von Grenzen: mehr Wachstum, höherer Konsum, unendlicher Spaß![1]

Da bleibt für Grenzen, erst recht für die Grenze des Lebens selbst, kein Platz.

Hiob dagegen spricht es aus: Der Mensch ist „wie ein Schatten und bleibt nicht“.

Und er weiß, wovon er spricht, weiß es aus eigener schmerzlicher Erfahrung. Sich den Schmerz nicht nehmen zu lassen, nicht durch wohlmeinende Freunde, nicht durch gut gemeinte Ratschläge, nicht durch die grenzenlose Betriebsamkeit unserer Welt, das ist das erste, was wir von Hiob lernen können. Den Schmerz der Endlichkeit aussprechen, das Recht auf die eigene Trauer festhalten und sie leben, wenn es an der Zeit ist.

Und dann ist da noch die Sache mit Gott. Gott wird schon wissen, warum dir all‘ dies zugestoßen ist, hatten die Freunde Hiob gesagt.

Und als er nicht sofort darauf einging, insistierten sie, beharrten darauf und meinten: Wenn dir dein eigenes Leid nicht sofort einleuchtet, dann denk halt gründlicher nach, wodurch du es verdient hast. Gott straft niemanden ohne Grund.

Längst ist Gott, jene strafende Instanz aus der Argumentation der Freunde Hiobs, aus unserer Vorstellungswelt verschwunden. Und das ist auch gut so!

Generationen von Menschen sind in tiefer Angst vor einem allmächtigen Richtergott aufgewachsen, der alles sieht und hört und jede Kleinigkeit bestraft.[2]

Es ist gut, dass dieses Gottesbild der Vergangenheit angehört!

Dennoch leben wir in einer Welt, in der unablässig geurteilt und verurteilt.

Denn an die Stelle Gottes sind andere Richter getreten.

Und sie sind nicht unbedingt barmherziger.

Manchmal stehe ich vor der überbordenden Fülle an Ratgeberliteratur in den Regalen unserer Buchhandlungen und mir kommt der alptraumhafte Gedanke, die Freunde Hiobs hätten einen Verlag gegründet und würden nun unentwegt neue, ungebetene Ratschläge erteilen.

Es herrscht ein unterschwelliger Zwang zum Glücklichsein. Wer Probleme hat, wem es nicht so super geht, der muss etwas falsch gemacht haben. Zu fett gegessen, zu viel getrunken, zu wenig bewegt, zu schlecht gebildet, zu wenige Praktika, nicht im Ausland studiert, auf den falschen Arbeitgeber gesetzt, nicht die richtigen Kontakte gepflegt, das falsche Parteibuch gehabt, die falsche Konfession, die falsche Religion, zu viel Fleisch gegessen, zu oft geflogen, nicht den richtigen Lichtschutzfaktor benutzt, die falschen Sachen bei Facebook angeklickt, die falschen Freunde gehabt. Die Liste ließe sich endlos verlängern.

Wem es schlechtgeht, wer kein Hochglanzprospekt-taugliches Leben führt, muss sich dafür auch noch entschuldigen, muss etwas falsch gemacht haben. Die Götter der Schönheit, des Reichtums und des Konsums kennen keine Gnade.

Wer ihnen nicht huldigt, der macht sich schwerer Vergehen verdächtig: Konsumverweigerung und politisch-ökonomische Dissidenz sind Todsünden in den Augen des Marktes.

Hiob kämpfte gegen das Gottesbild seiner Freunde. Gegen das Bild vom strafenden Gott, der unbarmherzig alle Vergehen verfolgt. Und Hiob wagt das Unglaubliche:

Er widersteht Gott ins Angesicht.

„Du ziehst mich vor dir ins Gericht“, aber ich weiß genau, was ich getan und was ich nicht getan habe. „Jugendsünden“ habe ich vielleicht begangen, räumt Hiob ein, aber nichts, was mein schweres Leiden rechtfertigen oder erklären könnte.

Auf den ersten Blick macht es das Leid leichter, wenn es dafür eine Erklärung gibt. Und darum suchen die Menschen so händeringend nach Erklärungen für das Unbegreifliche.

Leid und Schmerz, ein unerklärliches Schicksal werden vermeintlich leichter, wenn es eine Erklärung oder wenn es einen Schuldigen gibt. Wenn wir sagen können „Ich bin selbst schuld“, oder besser noch, wenn wir sagen können „Die sind schuld“, die Flüchtlinge, die Ausländer, die Politiker oder wer auch immer. Einen Schuldigen zu haben, einen Sündenbock zu benennen, hilft vielen Menschen, weil das Unbegreifliche des Leidens dadurch gelindert wird.

Allerdings, der Haken daran ist: Das Leiden verschwindet nicht, sondern es vervielfältigt sich dadurch. Am Ende leiden dann eben alle, auch die vermeintlichen Sündenböcke.

Vor acht Tagen haben wir uns wieder an den 9. November 1938 erinnert, an die Reichspogromnacht. Damals waren es die Juden, die als Sündenböcke herhalten mussten. Bis in unsere Gegenwart zieht sich die unheilvolle Spur des Antisemitismus. So breit, dass die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf heute wieder über Flucht und Auswanderung nachdenken, wie in der vergangenen Woche der Zeitung (RP vom 12.11.2019) zu entnehmen war.

Dagegen müssen wir unsere Stimme erheben und deutlich machen:

Antisemitismus und christlicher Glaube sind nicht vereinbar.

Das eine schließt das andere aus.

Aus der unheilvollen Geschichte des Antisemitismus gilt es zu lernen.

Zum einen, dass wir als Christen unlösbar mit dem Judentum verbunden sind. Wir sind als Kirche mithineingenommen in den ungekündigten Bund Gottes mit Israel.[3]

Zum anderen, dass es an der Zeit ist, endlich auf die Suche nach Sündenböcken zu verzichten und stattdessen die wahren Probleme unseres Landes und unserer Kirche zu lösen.

Hiob hat niemanden zum Sündenbock gemacht, auch nicht sich selbst.

Auch das können wir von ihm lernen. Er hat stattdessen seinen Schmerz und seine Trauer vor Gott gebracht und um Ruhe für seine Seele gebeten.

Blick doch von mir weg, damit ich Ruhe habe, bis mein Leben vorbei ist.

Auch das darf es geben:

Dass wir Gott bitten, er möge uns allein lassen, damit wir ganz für uns Ruhe finden, zu uns finden im Auf und Ab des Lebens.

Hiob hat die Welt und sein eigenes Leben aus Gottes Hand genommen, so wie es ist. Und auch wir müssen uns dafür nicht entschuldigen. Wir müssen unser Leben nicht nach außen hin besser, schöner oder größer machen, als es ist. Unser Schmerz, unsere Fehler und Schwächen gehören zu uns. Wir haben ein Recht auf sie und niemand darf uns ihretwegen ungefragt ein schlechtes Gewissen einreden oder uns zum Sündenbock machen.

Um dahin zu kommen, wollte Hiob für sich sein. Sein letztes Wort war dies aber nicht. Aus der Ruhe heraus, die Gott ihm schenkte erklingt seine Stimme, sein Gebet:

„Ach, dass du mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest, bis dein Zorn sich legt, und mir eine Frist setzen und dann an mich denken wolltest.“

[1] Vgl. David Foster Wallace, Infinite Jest (1996), dt. Unendlicher Spaß, Köln 32009.

[2] Vgl. Tillmann Moser: Gottesvergiftung. Frankfurt a. M. 1976.

[3] Vgl. Bertold Klappert: Miterben der Verheißung. Beiträge zum jüdisch-christlichen Dialog (Neukirchener Beiträge zur Systematischen Theologie 25), Neukirchen-Vluyn 2000, 390-406.

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