Lukas 19,1-10

14. Sonntag nach Trinitatis. Wer hätte nicht schon irgendwann einmal in seinem Leben davon geträumt: Die Kugeln in der großen Trommel rollen durcheinander und fallen dann, eine nach der anderen, ins Ziel. Sechs Richtige! Das Gefühl muss unbeschreiblich sein, wenn man realisiert: Das sind wirklich meine Zahlen. Und dann die Stunden und Tage danach, bis der dicke Scheck kommt und die Frage im Raum steht: Was mache ich jetzt mit so viel Geld?

Wie fühlt sich das an, plötzlich reich zu sein? Wie ändert sich jetzt mein Leben? Oder bleibt am Ende doch alles gleich? An dieser Stelle ist in meinem Traum die bunte Seifenblase vom Lottogewinn meist schon geplatzt. Zu viele Fragen, auf die ich keine Antworten habe. Und die Ahnung: Plötzlich reich zu sein, kann ganz schön kompliziert sein.

Zugegeben, wenn dir gerade die Waschmaschine oder das Auto zusammengebrochen ist und du nicht weißt, wie du den Ersatz bezahlen sollst, wenn dich Mietschulden plagen und du dich fürchtest, demnächst auf der Straße zu landen, dann liegt der Traum vom Lottogewinn nahe. Die Dinge des täglichen Lebens – Nahrung, Kleidung, Wohnung – kosten Geld, mitunter sogar richtig viel Geld. Und wenn es am Nötigsten fehlt, dann ist das eine Katastrophe. In die Katastrophe führen kann aber auch der Lottogewinn. Manch einer kann mit so viel Geld nicht umgehen, ändert von heute auf morgen sein ganzes Leben, verlässt seine Arbeitsstelle, seine Familie und verjubelt mit falschen Freunden, die schnell wie das Geld zur Stelle sind, den neuen Reichtum. Easy come, easy go, heißt es dann. Damit das nicht passiert, kümmert sich im echten Leben ein Lotto-Gewinnberater um die frisch gebackenen Gewinner und rät ihnen, soviel Normalität wie möglich zu bewahren. Er warnt sie geradezu vor dem unverhofften Reichtum.

Warnungen vor dem Reichtum finden wir auch in der Bibel. Beim Evangelisten Lukas spielen sie eine besonders große Rolle. Heute ist die Geschichte vom Zöllner Zachäus unser Predigttext. Ich lese aus Lukas 19:

Jesus ging nach Jericho hinein und zog hindurch. Und siehe, da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich. Und er begehrte, Jesus zu sehen, wer er wäre, und konnte es nicht wegen der Menge; denn er war klein von Gestalt. Und er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerfeigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er durchkommen. Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.

Da sie das sahen, murrten sie alle und sprachen: Bei einem Sünder ist er eingekehrt. Zachäus aber trat herzu und sprach zu dem Herrn: Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren, denn auch er ist ein Sohn Abrahams. Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. (Lutherbibel 2017)

Der Evangelist Lukas berichtet an mehreren Stellen seines Evangeliums von Auseinandersetzungen Jesu mit reichen Menschen. Zwei dieser Geschichten stehen nahe beieinander, der Zusammenhang zwischen ihnen fällt ins Auge. Beide Male kommt ein „Oberer“ zu Jesus.

In der ersten Geschichte fragt er Jesus: „Was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?“ (Lk 18,18) Jesus spricht mit ihm über Gott und seine Gebote. Am Ende sagt er dem Oberen: „Verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen“. – „Als er das hörte, wurde er traurig; denn er war sehr reich.“ Der Reiche in dieser Geschichte kann sich vorstellen, alles für Gott zu tun. Nur nicht, auf seinen Reichtum zu verzichten. Denn genau daran hängt sein Herz. Jesus sieht das und spricht ihn deshalb darauf an. Er sieht, dass der Mann nicht einfach nur viel Geld hat, sondern das Geld ist sein Gott.

Warum ist Geld eigentlich so verführerisch? Geld ist eigentlich nur ein Zahlungsmittel. Im Unterschied zu anderen Waren hat Geld aber keinen Gebrauchswert. Man kann damit nichts machen, außer es gegen andere Waren zu tauschen, und zwar nicht nur gegen eine bestimmte Ware, sondern gegen jede erdenkliche Ware, die man gegen Geld kaufen kann. Dieses Potential, mit Geld jede erdenkliche Ware kaufen zu können, macht es so attraktiv. Das Geld ist scheinbar allmächtig. Darum ist es so leicht mit Gott zu verwechseln. Martin Luther sprach darum vom „allergewöhnlichsten Abgott auf Erden“[1]. Damit meinte er: Kein Abgott ist so verbreitet wie dieser. Und wohl auch keiner ist bis heute so mächtig wie dieser. Denn nicht nur der Obere in der ersten Geschichte von Jesus kann sich von seinem Geld nicht trennen.

Auch wir erleben heute eine beispiellose Jagd nach dem Geld. In der sogenannten Finanzindustrie verdienen Menschen sehr viel Geld, ohne mit ihren Produkten einen echten Mehrwert für die Gesellschaft zu produzieren. Es ist Geld, das bei einer Minderheit zu immer absurderen Summen angehäuft wird und an anderer Stelle fehlt. Die Schere zwischen Arm und Reich geht weiter auseinander. Während die einen Luxusimmobilien überall auf der Welt sammeln wie kleine Kinder Spielzeuge, finden andere keine Wohnung und wissen nicht, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten sollen. Eine Gesellschaft, die diese Entwicklung auf Dauer duldet, droht zu zerbrechen. Wer diese Entwicklung politisch fördert, setzt den Frieden aufs Spiel, zunächst innerhalb einer Gesellschaft, aber auch international, zwischen Staaten.

Dabei führt die Jagd nach dem Geld keineswegs zum Glück. Traurig wendet sich der Obere von Jesus ab, weil er selbst spürt, dass ihm sein Reichtum im Wege steht. Das ist nicht nur in der Geschichte so, sondern auch im echten Leben. Längst haben Wissenschaftler festgestellt, dass Wohlbefinden und Zufriedenheit ab einem bestimmten Einkommensniveau nicht mehr steigen. Es gibt einen Sättigungseffekt, nach dem mehr Geld nicht zu mehr Glück führt.

Der Zöllner Zachäus, der Obere in unserer zweiten Geschichte, hat das verstanden. Er ist reich und spürt dennoch diese Sehnsucht nach Mehr in seinem Leben. Er ahnt, dass er etwas anderes braucht als noch mehr Geld. „Er begehrte Jesus zu sehen, wer er wäre.“ (Lk 19,3) Dieser Name Jesus steht für die Sehnsucht nach einer anderen Welt. Für die Welt Gottes, in der Menschen nicht nach dem beurteilt werden, was sie auf dem Bankkonto haben. Eine Welt, in der Menschen gleiches Recht und gleiche Würde haben, weil sie gleich geschaffen sind von Gott. Nach dieser Welt sehnt sich Zachäus und weiß doch nicht genau, wo er diese Welt finden kann, wie er hinein kommt, wie er in ihr leben könnte. Seine Sehnsucht macht ihn erfinderisch, er steigt sogar auf einen Baum, weil er fürchtet übersehen zu werden.

Sein Glück ist, dass Jesus ihn nicht übersieht. Jesus sieht ihn. Sieht vor allem seine Bereitschaft, sich auf einen neuen Weg einzulassen. Jesus geht zu ihm, sucht ihn auf in seiner Welt, ohne freilich dieser Welt des Geldes zu verfallen. Das fürchten diejenigen, die Jesus für seinen Hausbesuch bei Zachäus kritisieren. Schlechter Umgang verdirbt gute Sitten, sagt man. Doch bei Jesus ist das anders. Er verfällt nicht dem Reichtum des Zachäus, sondern er bringt Gottes neue Welt in das Haus von Zachäus. Und der kann sich darauf einlassen, weil er spürt, in dieser neuen Welt sind Freiheit und Leben! Und darum hat er jetzt die Freiheit und tut, was der andere Obere im Bann des Götzen Geld nicht tun konnte:

„Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück. Jesus aber sprach zu ihm: Heute ist diesem Hause Heil widerfahren.“

Jesus sucht den Zachäus, der sich in seinem Reichtum verloren hat, und macht ihn selig. Dieses Seligmachen ist untrennbar verbunden mit dem, was Zachäus selbst tut. Es gehört unbedingt zu diesem Seligwerden des Zachäus dazu, dass dieser sich wirklich von der Hälfte seines Besitzes trennt und die Betrogenen entschädigt.

Der Kapitalismus, die natürliche Religion unserer Gesellschaft, will uns weißmachen, es gäbe so etwas wie Seelenheil in der Komfortzone. Seelenheil ohne eine ernsthafte, reale Veränderung unseres Lebens. So auch alle Formen von Religion, die sich in diesem Fahrwasser befinden. Nicht zuletzt auch christliche Kirchen, die ein Evangelium des Erfolgs für die Erfolgreichen verkündigen. Der Stand deines Bankkontos zeigt dir, wie sehr Gott dich gesegnet hat, heißt es dort.

Doch bei Jesus ist es anders. Wer mit Gutem gesegnet ist, der darf sich freuen und mit dem Wochenspruch sagen: „Lobe den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.“ (Ps 103,2)

Doch dieses Gute, das Gott uns getan hat, ist zum Teilen da. Wo wir dies tun, da beginnt Gottes neue Welt unter uns.

Gebet

Gütiger Gott!

Du kommst in unsere Welt,

du suchst und willst selig machen,

die verloren sind.

Wir loben und preisen deinen Namen

und bitten dich:

Öffne uns die Augen für all‘ das Gute in unserem Leben.

Für diesen neuen Tag, den du uns geschenkt hast.

Für die Sonne am Himmel und die Luft zum Atmen.

Für die Menschen an unserer Seite.

Für die Gute Nachricht von deiner neuen Welt.

Bewahre uns davor, Geber und Gaben zu verwechseln.

Hilf uns, das anvertraute Geld sinnvoll zu nutzen,

ohne ihm zu dienen.

Zeige uns, wo wir mit anderen Menschen teilen können.

Wir denken an unsere schwächsten Brüder und Schwestern

im Flüchtlingslager Moria. Öffne unsere Herzen für ihr Schicksal

und hilf uns Lösungen zu finden für ihre Aufnahme in Europa.

Stärke unsere Politikerinnen und Politiker in ihrem Einsatz für

eine demokratische und lebenswerte Republik.

Wecke auch in uns die Suche nach den Verlorenen,

nach den immer Unzufriedenen, nach den Hoffnungslosen,

nach den Traurigen.

Gemeinsam lass uns Schritte tun in deine neue Welt.

Amen.


[1] Vgl. Peter Seele: „Gelt ist auff erden der irdisch got“. Überlegungen zu einer Religionsökonomie des Geldes. In: Theologische Zeitschrift. 65, 2009, S. 348 f.

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