Genesis 2,4b-9.15

15. Sonntag nach Trinitatis. „Bei Morgengrauen schließen die Erzengel, gekleidet in dunkelblaue Uniform, die Schlösser an den dicken Eisenketten auf, die um die Tore zu Gottes Garten gelegt sind, und öffnen die schweren Gitter mit ihren goldenen Spitzen, lassen die ersten verschlafenen Läufer ein, die im ruhigen Park ein paar Runden drehen, bevor sie sich dem Lärm, der Hektik, dem Streß der Welt da draußen hingeben.“[1]

Der Garten Gottes, von dem hier die Rede ist, hat eine durchaus irdische Adresse. Es ist der Jardin du Luxembourg im Pariser Stadtteil Quartier Latin. Seine Anfänge liegen im 17. Jahrhundert. Seitdem haben Generationen von Menschen in ihm Erholung gefunden und sich an Bäumen und Skulpturen erfreut. Zahlreiche Dichter haben seine Schönheit besungen. Erich Kästner reimte: „Dieser Park liegt dich beim Paradies. Und die Blumen blühn, als wüßten sie’s.“[2]

Dass Menschen Gärten lieben und auf Parks Loblieder singen, ist wohl kein Zufall. Denn auf den ersten Seiten der Bibel wird erzählt, dass der Garten das erste Zuhause, das gottgegebene Umfeld des Menschen ist.

Im Buch Genesis, vom Ursprung, heißt es im zweiten Kapitel:

Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte das ganze Land. Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. … Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. (Gen 2,4b-9.15; Lutherbibel 2017)

Der Mensch ist also ursprünglich ein Gartenbewohner. Geschaffen aus einer Handvoll Staub und einem Hauch von Gott, wäre sein Leben ganz und gar gefährdet und hinfällig, hätte nicht Gott selbst ihm ein wohnliches Umfeld geschaffen: einen Garten. In diesem Garten findet der Mensch sein Zuhause, sein Auskommen und seine Aufgabe. Der Garten ist ein von der übrigen Welt abgegrenzter Bereich, der den seelischen Bedürfnissen Nahrung bietet. Die Bäume seien „verlockend anzusehen“, wird erzählt. Aber auch der Körper findet hier seine Nahrung. Es gibt „gut zu essen“ im Garten. Gegenüber der landläufigen Vorstellung des Paradieses als Ort, wo einem die gebratenen Tauben einfach so in den Mund fliegen, ist dieser Garten jedoch kein Ort der Untätigkeit. Der Mensch bekommt eine Aufgabe. Er soll den Garten bebauen und bewahren. Eine Aufgabe, die dem Menschen guttut, die ihm angemessen ist, der er gewachsen ist.

Alles in allem ist das Bild vom Menschen, das hier auf den ersten Seiten der Bibel gezeichnet wird, das eines glücklichen Geschöpfes, das mit sich und seiner Welt im Frieden lebt. Ein paradiesischer Zustand, trotz oder gerade mit Arbeit! Alle Freunde der Gartenarbeit, die von deren Nutzen für Leib, Seele und Geist schwärmen, werden mir sofort zustimmen.

Doch das ist, Sie ahnen es bereits, allenfalls das halbe Bild vom Menschen. Die Geschichte vom Garten und seinem Bewohner geht ja noch weiter. Es droht Ungemach. Das nächste Kapitel in der Bibel ist überschrieben mit „Der Sündenfall“. Ob das eine kluge Überschrift ist, die zum Text passt, oder eher nicht, kann man mit Recht fragen. Der Sprachgebrauch beim Thema Sünde und Schuld im Alten Testament ist vielfältiger als der Begriff „Sündenfall“ es nahelegt. In unserer Vorstellungswelt hat das Wort Sünde einen moralischen Klang und lenkt den Blick auf den Täter. In der biblischen Geschichte vom Garten ist aber eher eine komplexe Dynamik zu beobachten.

Stark verkürzt geschieht Folgendes: Gott erlaubt dem Menschen, von den Früchten der Bäume im Garten zu essen. Außer von den Früchten des Baumes der Erkenntnis von Gut und Böse. Die Menschen, mittlerweile sind sie zu zweit im Garten, essen aber trotzdem davon. Sie ahnen den Verstoß gegen Gottes Gebot, übernehmen jedoch keine Verantwortung dafür, sondern verstecken sich. Mit der Schuld kommt auch die Scham ins Leben der Menschen. Gott deckt ihr Versteckspiel auf und lässt sie leben, verweist sie aber des Gartens. Aus dem geschützten Raum geht es hinaus in Offene und Ungewisse. Der Auftrag zur Arbeit bleibt bestehen, nun aber unter veränderten Bedingungen. Der staubigen, vergänglichen Erde sollen die  Menschen nun dienen. Mühsal und Vergeblichkeit zeichnen die Arbeit der Menschen nun aus.

Und wir, wo sind wir nun in dieser Geschichte?

Immer wieder haben Menschen versucht, sich selbst zu verorten im Verhältnis zu dieser Geschichte vom verlorenen Garten Eden. „Paradise Lost“[3] – oder „Jenseits von Eden“[4] leben wir. Allzu oft machen doch auch wir Bekanntschaft mit Mühsal und Vergeblichkeit in unserem Handeln. Das gehört zu diesem Leben als vergängliche Menschen dazu, dass wir immer wieder die Erfahrung machen: Wir scheitern, gerade wenn wir eigentlich mit besten Absichten handeln und Großes bewirken wollen. Das „Übereinkommen von Paris“ zum Klimaschutz aus dem Jahr 2015 ist für mich ein gutes Beispiel dafür. 195 Vertragsparteien einigen sich in langen Verhandlungen auf Maßnahmen zum Klimaschutz und dann wird einer zum Staatschef gewählt, der einen der ganz Großen aus dem Spiel nimmt und damit vieles zerstört, was mühsam erarbeitet war. Wie kommt das, dass wir mit dem Bebauen und Bewahren offenbar so große Probleme haben?

Ich gestehe: Ich habe keine abschließende Antwort auf diese Frage. Ich ahne aber: Es ist an der Zeit, wieder ganz neu zu lernen, was es heißt, als Geschöpf zu leben. Als Geschöpf Gottes mit einem begrenzten Handlungsspielraum, mit begrenzten Erkenntnissen und einem oft sympathischen, manchmal aber auch fatalen Hang zum Fehlermachen. Ich lese diese Geschichte vom Garten als Einladung, mich auf genau diese Begrenzungen einzulassen und mein Selbstbild daran zu orientieren. Als Gärtner in Gottes Garten ist mir ein bestimmter Bereich zugewiesen.

Es ist mir kaum möglich, die ganze Welt zu retten, aber ich kann meine Stadt lieben und mich in meiner Nachbarschaft engagieren.

Es ist mir kaum möglich, alle Menschen zu meiner religiösen oder politischen Haltung zu bekehren, aber ich kann mit denen, die nicht meiner Meinung sind, in Kontakt bleiben und verhindern, dass wir uns verfeinden.

Es ist mir kaum möglich, alle Probleme dieser Erde zu lösen, aber ich muss sie auch nicht in Watte packen, sondern kann sie ansprechen.

Ich möchte nicht mehr länger auf den großen Wurf warten zur Rettung von Kirche, Demokratie und Klima, sondern kleine Schritte tun.[5]

Im Bild gesprochen: Ich möchte heute einen Baum in meinen Garten Eden pflanzen und ihn geduldig gießen und dann geduldig schauen, wie er wächst. Denn wachsen muss er, bevor er Früchte tragen kann. Dieser eine Baum wird weder mich noch sonst jemanden reich machen und auch nicht das Welternährungsproblem lösen, aber er macht dort, wo er wächst, einen Unterschied.

Ich möchte neu lernen, im Bewusstsein aller meiner Begrenzungen – als Mensch aus einer Handvoll Staub und einem Hauch von Gott – hier und heute zu handeln, Leidenschaft mit Gelassenheit zu verbinden, wie ein Gärtner, der weiß: „Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.“ (Mt 6,34)

Ein letzter Gedanke dazu:

In den Nachrichtenbildern der letzten Tage und Wochen hat sich für mich ein Bild als Gegenbild zum Garten Eden verdichtet. Es ist das Bild des Lagers. Konkret: Das Flüchtlingslager Moria. Gemessen am Garten als Ort des Lebens ist dies ein Nicht-Ort, ein lebensfeindlicher Ort. Ein Ort, wo Menschen bewusst vom Paradies Europa abgeschreckt werden sollen, weil ihnen dort nichts bleibt außer dem Staub der Erde. Ihnen zu helfen, sie zu Mitbewohnern zu machen in unserem Garten, ist für ein reiches Land wie Deutschland ein kleiner Schritt. Wir sollten ihn tun, weil uns selbst Heil geschenkt wurde.

„Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis, der Cherub steht nicht mehr dafür. Gott sei Lob, Ehr und Preis!“ (EG 27,6)

Gebet

Gott, Schöpfer allen Lebens!

Wir danken dir, dass du uns

mit allen Lebewesen dieser Erde

ins Leben gerufen und in deinem Bund

miteinander verbunden hast.

Wir bitten dich:

Hilf uns zu erkennen,

wo wir maßlos geworden sind,

in unserem Konsum und

in unseren Projekten.

Erlöse uns, wo wir mutlos sind und

denken, wir könnten nichts tun.

Zeige uns, was wir hier und heute

tun können, um unseren

gemeinsame Lebensraum zu bewahren.

Wir bitten dich um deinen Segen

für alle alten und neuen

Ratsherren und Ratsfrauen in unserer Stadt.

Steh ihnen bei, wo sie um gute Lösungen ringen.

Bewahre ihre Seele, wo sie verunglimpft werden.

Du selbst bist Anwalt der Flüchtlinge und Heimatlosen.

Hilf uns, unsere Herzen und Grenzen für sie zu öffnen.

Amen.


[1] Ulrich Wickert: Und Gott schuf Paris. Hamburg 41993, 144.

[2] Zit. nach Wickert: a.a.O., 145.

[3] John Milton: Paradise lost. A Poem Written in Ten Books. London 1667.

[4] John Steinbeck: East of Eden. New York 1952.

[5] Vgl. Jürgen Wiebicke: Zehn Regeln für Demokratie-Retter. Köln 2017.

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