Psalm 23

Konfirmation. In dem allerersten Brief, den Ihr nach Eurer Anmeldung von Eurer Gemeinde bekommen habt, stand der schöne Satz: „Die Konfirmation findet im Jahr 2020 am 21. Mai statt.“ Nun ist heute der 4. Oktober, und wir feiern Eure Konfirmation mit der kleinen Verspätung von viereinhalb Monaten. „Der Mensch macht Pläne – ob sie ausgeführt werden, liegt bei Gott“, heißt es dazu schon in der Bibel (Sprüche 16,9). Ich habe in diesem Jahr noch einmal neu gelernt, wie realistisch dieser Gedanke ist.

Corona ist uns dazwischengekommen und macht noch heute das Leben und Feiern kompliziert. Wir spüren das an manchen Stellen, heute vor allem daran, dass viele Menschen hier in der Kirche fehlen, die ansonsten mit uns gefeiert hätten.

Das ist traurig!

Dinge, „die wir immer so gemacht haben“ finden in diesem Jahr nicht oder anders statt. Diesen Mangel können wir uns nicht wegdenken oder wegreden.

Für mich selbst ist das, was in diesem Jahr so anders gelaufen ist als geplant, zum Anlass geworden noch einmal neu nachzudenken:

Was ist eigentlich wesentlich an der Konfirmation?

Der Straßburger Reformator Martin Bucer erfand vor rund 400 Jahren die Konfirmation, weil es in der evangelischen Kirche Kritik an der Taufe von Säuglingen gab. Zu Recht meinten die Kritiker der Säuglingstaufe, dass diese kleinen Kinder ja gar nicht verstehen, was bei der Taufe mit ihnen geschieht. Martin Bucer nahm diese Kritik ernst und meinte: Wer als Säugling getauft wurde, soll später in seinem Leben die Möglichkeit bekommen, sich selbst mit seiner Taufe zu beschäftigen und ihre Bedeutung zu verstehen.

Darum haben wir uns dann ja auch so intensiv mit unserer Taufe beschäftigt. Bei der Taufe wurde uns im Namen von Jesus versprochen: Gott ist bei uns auf unserem Lebensweg. Und genau dieses Versprechen haben wir ganz ernst genommen und noch einmal gemeinsam genau zurückgeschaut auf Euer junges Leben und gefragt: Wo war denn Gott in diesem Leben?

Im Januar haben wir das gemacht. Und herausgekommen ist dabei die Taufspirale: Euer Lebensweg im Bild einer Spirale, die sich erweitert und öffnet für Euren Weg in die Zukunft. Da war Euer eigenes Leben der Unterrichtsstoff, Eure Erfahrungen, Euer Schmerz und Eure Freude.

Denn beides hat mit Gott zu tun, die schönen und die schweren Momente.

Gott war bei mir, habt ihr damals gesagt, das habe ich gespürt, als meine Schwester geboren wurde, als ich zum ersten Mal Basketball gespielt habe, als ich zum ersten Mal eine Freundin hatte.

Aber auch die schweren Momente Eures Lebens habt Ihr mit Gott in Verbindung gebracht. Da waren es vor allem die Erfahrungen von Trennung und Tod, die Ihr genannt habt. Situationen, in denen Ihr gespürt habt: Gott hilft mir zu leben, auch wenn es gerade schwer ist.

Immer wieder wurde im Zusammenhang mit den schweren Erfahrungen übrigens auch die Schule genannt. Schule scheint ein Lebensbereich zu sein, in dem Ihr besonders die Erfahrung macht: Hier brauchen wir Hilfe, auch Gottes Hilfe.

Wer dieser Gott ist, von dem wir uns Hilfe im Leben erhoffen, das ist auch ein Thema des Glaubensbekenntnisses. Ich hatte versucht, wie Ihr Euch vielleicht erinnert, Euch für ein modernes Glaubensbekenntnis zu begeistern, das mir besonders gut gefällt. Aber Ihr habt gesagt: Nix da! Wir wollen den Klassiker. Wenn schon, denn schon. Her mit dem Apostolischen Glaubensbekenntnis. Da finden wir zwar auch nicht alles richtig, aber der Text hat Sprengkraft. Mit symbolischen Mini-Bomben, Fragezeichen und grünen Häkchen seid Ihr dem altehrwürdigen Bekenntnis auf den Leib gerückt. Und siehe da: Unter dem Staub der Jahrhunderte schälte sich so etwas wie ein Kern heraus, den Ihr ganz überzeugend fandet. Auf eine kurze Formel gebracht: Je mehr biblische Geschichte, je mehr Jesus-Story Ihr darin wiedererkanntet, umso besser. Und das liegt wohl daran, dass diese Story einfach gut ist.

Gut nicht in dem Sinne, dass wir in der Bibel einfach die Wahrheit mit Löffeln fressen könnten. So nach dem Motto: Vogel friss oder stirb. Hier ist jedes Komma richtig, und wenn du das nicht kapierst, dann gehörst du nicht dazu. Nein, gut ist die Bibel in dem Sinne, dass sie uns immer wieder neu auf die Suche schickt. Auf die Suche nach Gott und dem guten Leben. Darum ist sie zugleich eine große Einladung, sie immer wieder neu zu lesen, ein Leben lang.

So wie Anke Engelke, die bekannte deutsche Schauspielerin und Moderatorin. Sie erzählt über ihre Beziehung zu Psalm 23:

„Der Herr ist mein Hirte. Als ich diesem Satz das erste Mal begegnete, wusste ich nicht, dass das der bekannteste Psalm aus der Bibel ist. Ich erfuhr erst später, dass es dem Verfasser David um das Bild der Nähe ging und um die geradezu persönliche Betreuung: Hier Schaf, da Betreuer. Hier Hunger und Durst, da Gras und Wasser. Happy End. Als ich aufs Gymnasium kam, durfte ich endlich mitmachen im Schulchor… Wenn wir im Chor ‚Der Herr ist mein Hirt‘ sangen, passierte etwas mit mir. … Der Text schob Bilder in meinen Kopf, die mir gefielen: grüne Wiesen, klar, Ruhe, Stille, aber auch beschützt werden. In Sicherheit sein. ‚Zuversicht‘ hätte ich falsch buchstabiert, aber das war das Gefühl, das mir der Text vermittelte. Ich habe wohl gespürt, dass alles gut ist … Wenn ich heute mit dem Rad durch Köln fahre, …, dann singe ich leise und habe den Mut zum Improvisieren. ‚Der Herr ist mein Hirt‘ mit Improvisationen. Wenn das einer hört: puh.  Nur habe ich jetzt andere Bilder im Kopf, und die Unbeschwertheit beim Singen ist futsch. Weil ich nicht mehr zehn bin und wir heute mehr wissen über den Zustand des Planeten und über die Zustände auf der Welt und viele von uns zweifeln und verzweifeln. Alles gut? Null. Und hier kommt mein Plan: Weitersingen! Gern ‚Der Herr ist mein Hirt‘, gern andere Lieder mit vielleicht auch rätselhaften Bildern vom Beschütztwerden. Und durch die Auseinandersetzung das eigene Verhalten überprüfen. Die anderen anschauen. Anderen Sicherheit geben. Anderen friedliche Ruhe zugestehen oder sogar ermöglichen.“[1]

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden!

Das wünsche ich Euch, dass auch Ihr weitersingt und weiterlest und weiterlebt mit den Geschichten der Bibel. Dass Ihr darin Ruhe und Sicherheit für Euer Leben findet und die Kraft, anderen Menschen auch etwas davon zu vermitteln.

Darum werden wir Euch gleich segnen und für Euch beten.


[1] Anke Engelke: Hier Schaf, da Betreuer. In: Chrismon 09.2020, 44.

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