Deuteronomium 30,11-14

18. Sonntag nach Trinitatis.

בָּרוּךְ אַתָּה יְיָ אֱלֹהֵינוּ מֶלֶךְ הַעוֹלָם שֶׁהֶחֱיָנוּ וְקִיְּמָנוּ

וְהִגִּיעָנוּ לַזְּמַן הַזֶּה׃

Gepriesen seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt,

der Du uns das Leben gegeben und erhalten hast

bis zu dieser Zeit.

Mit diesem Segenswort beginnt das jüdische Fest „Simchat Tora“, das heute in der Synagoge in Düsseldorf und überall in den jüdischen Gemeinden gefeiert wird. „Simchat Tora“, der Name des Festes bedeutet „Freude am Gebot/an der Weisung Gottes“.

Im Allgemeinen verbinden wir das Wort Gebot, oder mehr noch das Wort Gesetz, nicht mit Bildern der Freude. Das gehört zu unserem Erbe aus der Theologie Martin Luthers, der sehr stark betonte: Das Gebot Gottes ist schwer zu erfüllen. Wir scheitern immer wieder daran. Und darum zeigt uns das Gebot vor allem eines: Wir Menschen sind Sünder. Wir sind von Natur aus nicht in der Lage, den Willen Gottes zu erfüllen. Nun hat dieser Gedanke Luthers sicherlich seine Berechtigung. Im Konflikt mit der katholischen Kirche seiner Zeit betonte Luther: Der Mensch kann sich nicht durch gute Werke selbst verbessern. Er kann sich nicht selbst vor Gott „rechtfertigen“, so lautet das Stichwort aus Luthers Theologie. Wir sind und bleiben angewiesen auf Gottes Gnade. Mit anderen Worten: Wir sind darauf angewiesen, dass Gott selbst an uns wirkt und gute Menschen aus uns macht. Luther meinte: Dafür braucht es das Gebot Gottes eigentlich nicht mehr. Ich bin mir da allerdings nicht so sicher. Ich glaube vielmehr: Auch im Leben der Glaubenden, die sich auf Gottes Gnade und Barmherzigkeit fest verlassen, kann das Gebot noch eine wichtige Rolle spielen.[1]

Darum ist es so spannend, wie die jüdischen Gemeinden ihre Freude am Gebot feiern. Als erstes fällt auf: Simchat Tora ist wirklich ein fröhliches Fest. Ein Fest, das sich vor allem auch bei Familien mit Kindern großer Beliebtheit erfreut. Die Kinder nehmen traditionell an Umzügen teil, sie schwenken Fähnchen, und die Erwachsenen werfen ihnen Süßigkeiten zu. Das klingt gut rheinisch: Am Fest der Freude über Gottes Gebot regnet es Kamelle. Woher also kommt diese „Lust am Gesetz des Herrn“ (Ps 1,2)?

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Buch Deuteronomium/5. Mose:

11 Denn das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern. 12 Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? 13 Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wir’s hören und tun? 14 Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.

(Dtn 30,11-14; Lutherbibel 2017)

Dieser kurze Abschnitt beantwortet die Frage, woher die Gesetzesfreude, ja sogar die Lust am Gesetz kommt. Das Gebot Gottes ist nicht weit weg. Wir müssen uns nicht anstrengen, um es zu erfahren. Es ist uns nahe so, wie Gott selbst uns nahe ist. Ja, man könnte sogar sagen: Das Gebot ist eine Weise, wie wir Gottes Nähe, seine heilsame Zuwendung zu uns Menschen erfahren.

Um noch etwas weiter zu erläutern, warum das ein Anlass zur Freude ist, möchte ich einen Vergleich mit unseren rechtsstaatlichen Gesetzen ziehen. Staatliche Gesetze in einer Demokratie unterscheiden sich von Gesetzen in einer Diktatur oder Monarchie dadurch, dass eine Mehrheit der Bevölkerung sagt: Diese Gesetze haben wir – vermittelt durch den parlamentarischen Prozess – eigentlich selbst erlassen. Es sind unsere Gesetze. Wir bestimmen zum Beispiel am Ende des Tages selbst, ob auf deutschen Autobahnen gerast werden darf oder Tempo 130 gilt. Und darum sind diese Gesetze keine fremden Gesetze, sondern solche, die uns nahe sind.

Ähnlich ist es beim Gebot Gottes. Gottes Gebote sind keine fremden Gesetze, die uns unterdrücken und demütigen. Es sind Gebote des Schöpfers, der unser Bestes will und darum seinen Willen für uns und alle Geschöpfe ausgesprochen hat.

Natürlich gibt es hier wie dort Widerstand gegen Gebote, auch gegen die besten Gebote gibt es Widerstand. So leuchtet beispielsweise jedem ein, dass ein Gemeinwesen, ein Staat für alle, ohne Steuern nicht bestehen kann. Selbst Steuern zu zahlen oder vielleicht doch lieber zu vermeiden, ist jedoch eine andere Sache.

Glücklicherweise gibt es aber bei Gott keine himmlische Steuerfahndung. Im Gegenteil. Gott weiß um unsere notorische Schwäche in Sachen Gebote und anstatt uns zu bestrafen, hilft er unserer Schwäche auf.

„Es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust.“ Ich verstehe dieses Wort von der Gesetzesauslegung Jesu her. Im Evangelium haben wir eben die Geschichte von dem reichen Menschen gehört, der Jesus fragte, was er tun solle. Jesus antwortete ihm: „Verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen.“ Da wurde der Reiche traurig und ging weg. Denn er konnte nicht tun, was Jesus sagte, weil er so sehr an seinem Reichtum hing. Wie kann ein Reicher dann selig werden, fragen die Jünger besorgt ihren Lehrer. Und Jesus antwortet: „Bei den Menschen ist’s unmöglich, aber nicht bei Gott; denn alle Dinge sind möglich bei Gott.“

Bei Gott ist sogar möglich, dass aus uns Menschen werden, die Gerechtigkeit lieben und gerecht leben. Es ist möglich, weil Gott selbst uns erneuert. Vom Herzen her, das heißt eben nicht nur innerlich, sondern in unserem Denken und Fühlen, in unserem Reden und Handeln. Diese Erneuerung schafft Gott durch seinen Geist.

Im Predigttext stehen für diesen Prozess der Erneuerung, in dem wir uns befinden, immer zwei Wörter: hören und tun. Beides, das Hören des Gebotes und das Tun des Gebotes, bilden in Gottes neuer Welt eine Einheit. Die Freude am Gebot kommt da zum Ziel, wo die Gebote im echten Leben in uns und durch uns wirksam werden, wo wir sie tun.

Der große jüdische Religionsphilosoph Abraham Joshua Heschel hat einmal den Satz geprägt: „Taten sind Lehrer.“[2] Das war für ihn nicht nur eine Frage der Glaubwürdigkeit. Taten und Worte sollten übereinstimmen; das ist auch richtig. Aber Heschel meinte mehr: Wir können selbst von unseren Taten lernen. Das ist im ersten Moment ein ungewöhnlicher Gedanke. Wir gehen in der Regel davon aus: Die gute Tat beginnt im Kopf, mit einer Einsicht; erst danach kommt das Handeln. Heschel dreht diesen Zusammenhang um. Indem wir das Gute einfach tun, hier und heute, erneuert sich dadurch der ganze Mensch, unser Denken, unser Fühlen, unser Wollen.

Dafür brauchen wir dann natürlich Übungsfelder. Kleine Bereiche unseres Lebens, in denen wir anfangen, uns von Gottes Geboten leiten zu lassen. Solche Übungsfelder gibt es ohne Ende. Jeder Versuch sie aufzuzählen, wäre von vornherein zum Scheitern verurteilt. Vor allem aber muss jeder und jede von uns selbst wissen, wo er oder sie den größten Übungsbedarf sieht. Für den einen ist es die Unfähigkeit auszuruhen, einmal wirklich Pause zu machen. Für den anderen ist es das zerrüttete Verhältnis zu den eigenen Eltern, das Versöhnung braucht, damit es allen wieder gut geht. Für die Dritte ist die eigene Partnerschaft das vorrangige Übungsfeld. Und schließlich wären auch noch die Exzesse von Gier zu nennen, die die Spaltung unserer Gesellschaft vertiefen und der Korrektur bedürfen. Alles wunderbare Übungsfelder für uns.

Und über allem steht Gottes Barmherzigkeit, die um unser Vertrauen wirbt und unser Leben heilt.

Gebet

Ich glaube, doch mein Kopf beginnt zu zweifeln:

Wer bist du, Gott,

und warum verlässt du mich immer wieder,

und wie soll ich da glauben?

Ich zweifle, doch meine Hände beginnen zu glauben:

Ich lege die Gedanken schlafen

und greife nach der Welt

und tue, was zu tun ist.

Ich glaube, Gott, dein Wille soll geschehen.[3]

Amen.


[1] Damit folge ich Johannes Calvin und Karl Barth. Vgl. Andreas Pangritz: Kritik der evangelischen Gesetzeskritik. Das Verständnis des „Gesetzes“ bei Johannes Calvin, Karl Barth – und darüber hinaus. Bonn 2009. Quelle: https://www.etf.uni-bonn.de/de/ev-theol/einrichtungen/systematische-theologie/personen/prof.-dr.-phil.-a.-pangritz-1/texte-zum-download (zuletzt abgerufen am 08.10.2020).

[2] Abraham Joshua Heschel: Gott sucht den Menschen. Eine Philosophie des Judentums. Neukirchen-Vluyn/Berlin 52000, 266.

[3] Barbara Eberhardt: 17. Sonntag nach Trinitatis. In: Alexander Deeg (Hg.): Der Gottesdienst im christlich-jüdischen Dialog. Gütersloh 2003, 195-197.

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