Offenbarung 21,1-7

Ewigkeitssonntag. „So geht die Zeit zur Ewigkeit.“ Diesen Satz lesen Sie, wenn Sie zur Matthäikirche gehen und auf die Uhr des Kirchturms schauen. Mir haben schon Menschen gesagt, dass ihnen dieser Satz Unbehagen bereitet, weil er sie an das Offensichtliche erinnert. Die Zeit vergeht, und wir vergehen mit ihr. Ein starker Satz, der solche Reaktionen auslöst. Aber auch ein hilfreicher Satz?

Dazu müsste klarer sein, was er meint. Denn das Wort „Ewigkeit“ kommt in unserem aktiven Sprachschatz so gut wie nicht mehr vor. Allenfalls wenn wir unsere Ungeduld ausdrücken wollen, wird es noch gebraucht: „Das dauert ja mal wieder ewig, bis der Antrag bewilligt ist …“

In diesem Satz steht Ewigkeit für eine unendlich lange Zeit. Und wenn wir uns die Ewigkeit Gottes als unendlich lange Zeit vorstellen, dann ist es nicht weit bis zu der Befürchtung, die Ewigkeit könnte nicht nur unendlich lange, sondern auch unendlich langweilig sein.

1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. 2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. 3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; 4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. 5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! 6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. 7 Wer überwindet, der wird dies ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein. (Lutherbibel 2017)

Die Bilder, die der Predigttext uns vor Augen stellt, sind aber alles andere als langweilig. Da geschieht ganz schön viel in den Visionen des Johannes. Das neue Jerusalem, die Stadt Gottes, kommt aus dem Himmel herab auf die Erde. Wobei Himmel und Erde selbst schon nicht mehr die alten sind, sondern neu. Schon alleine das führt uns an die Grenzen unseres Vorstellungsvermögens. Ein neuer Himmel, eine neue Erde, eine Stadt, die vom Himmel herabkommt auf diese neue Erde – das alles lässt sich kaum zu einem einzigen stimmigen Bild verbinden.

Immer, wenn das geschieht, wenn wir an die Grenzen unserer Vorstellungskraft stoßen, dann wird es interessant. Denn dann sprühen die Funken der Inspiration. Bilder, die mehr zeigen, als wir jetzt schon sehen können, öffnen unsere Welt für das Neue, für das Unbekannte, für die Zukunft. Darum brauchen wir Menschen solche Bilder. Sie helfen uns zu leben, weil wir uns mit der Welt, wie sie ist, nicht einfach abfinden können.[1]

(Nachtrag: Peter Handke beschreibt die Haltung derjenigen, die sich mit der Welt einfach abfindet, in seinem 1972 erschienen Romas als „Wunschloses Unglück“.)

Denn die Welt, wie sie ist, ist eine Welt voller Krisen. Das Jahr 2020 liefert mehr als genug Anschauungsmaterial für diesen Satz. Klimawandel, Corona, Populismus, Ungerechtigkeit, Krieg und Terror, Flucht und Vertreibung – es genügen Stichworte, um die großen Krisen unserer Zeit vor Augen zu haben.

Vielleicht steht das aber auch alles ganz im Hintergrund angesichts von persönlichem Schmerz. Weil wir unsere Lieben vermissen, die gestorben sind; weil unsere eigene Welt in diesem Jahr zusammengebrochen ist; weil Krankheit die Zukunft ungewiss macht.

Es ist wohl die Mischung aus all‘ dem, die die Gegenwart für viele Menschen in diesen Tagen so schwierig macht.

Wohin können wir uns noch wenden? Von woher kommt Erlösung?

Manchmal gibt es richtig gute Nachrichten. Zum Beispiel, wenn eine demokratische Wahl für neue Machtverhältnisse sorgt und die Welt für einen Moment jubelnd erwacht wie aus einem vier Jahre langen Alptraum. Oder wenn ein Impfstoff kurz vor der Zulassung steht, der unser Leben spürbar erleichtern wird. Wenn solche Nachrichten eintreffen, dann sollten wir uns freuen, feiern und Gott danken. Denn es sind Zeichen dafür, dass Gott uns nicht verlassen hat. Zeichen für Gottes Gegenwart unter uns.

Von dieser Gegenwart spricht der Predigttext mit einem Bild, das mich sehr anrührt. Luther übersetzt: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein“. – Und Georg Büchner schrieb 300 Jahre später: „Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“ (Der hessische Landbote. Erste Botschaft. 1834). – Wir halten dazu immerhin fest: In alle Ewigkeit wohnt Gott jedenfalls nicht in einem Palast, sondern in einer Hütte. Nimmt man den Wortlaut der Hebräischen Bibel ernst, dann ist es sogar nur ein „Zelt“. Ganz leicht macht sich Gott, auch von Tempeln und Kirchen ist nicht mehr die Rede. Umso schwerer wiegt seine Gegenwart, denn sie tröstet:

„Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.“

So wird es sein, wenn Gott unser Nachbar ist. Wenn wir alle miteinander in dieser einen neuen Welt wohnen, in der es kein Unten und Oben mehr geben wird, sondern Gemeinschaft aller mit allen, Gemeinschaft vor allem mit Gott und darum Leben in Hülle und Fülle. Der „Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens“ (Ps 126), weil die Gemeinschaft versöhnt, die Beziehungen gerecht, die Stadt fröhlich und die Seelen lebendig sind.

Darf man so reden, 300 Jahre nach der Aufklärung? So vollmundig, so bildhaft?

Ich bin mir wohl bewusst, dass wir hier an Grenzen stoßen. Grenzen unseres Vorstellungsvermögens und Grenzen des Sagbaren. Und dennoch will ich weiter so denken und reden, weil die Visionen des Johannes „Visionen gegen die Monster“[2] sind. Visionen gegen Krieg und Gewalt, Visionen gegen Trauer und Tod.

Ich glaube daran, weil in ihrer Mitte nicht irgendetwas steht, sondern eine Person: Jesus Christus, der Auferstandene, der uns sammelt und sendet, der uns beauftragt, schon jetzt und in seinem Namen Tränen zu trocknen und den Durstigen Wasser zu geben, damit wir gemeinsam „überwinden“, diese und jede andere Krise, damit wir am Ende Söhne und Töchter Gottes sind.

Gebet

Allmächtiger Gott,

Schöpfer des Himmels und der Erde,

durch dich und vor dir leben wir.

Du hast uns geschaffen und gehst mit uns durch die Zeit.

Danke für alle Zeichen deiner Gegenwart,

wo Versöhnung möglich wird

und Heilung geschieht.

Wir bitten dich heute:

Sei bei uns in unserer Angst

vor Krankheit und Gefahr.

Trockne unsere Tränen und

heile unseren Schmerz,

wo wir Menschen vermissen,

mit denen wir in Liebe verbunden sind.

Wir legen unsere Verstorbenen in deine Hände.

Lass sie bei dir wohnen, wo ihr Mund voll Lachens

und ihre Zunge voll Rühmen ist.

Schenke auch uns jetzt Ruhe und Friede

in deiner Gegenwart und hilf uns,

einander die Tränen zu trocknen.

Stärke alle, die in dieser Woche in Kliniken

um das Leben ihrer Patienten kämpfen.

Und schenke uns Geduld, wenn wir

meinen, es geht nicht mehr.

In der Stille sagen wir dir, was uns bewegt.

Amen.


[1] Kein Wunder also, dass die Bilder der Johannesoffenbarung den Kirchenbau prägten wie kein anderes Buch der Bibel. Vgl. Otto Böcher: Johannesoffenbarung und Kirchenbau. Das Gotteshaus als Himmelsstadt. Neukirchen-Vluyn 2010.

[2] Walter Faerber: Visionen gegen die Monster. Die Offenbarung des Johannes für eine Welt voller Krisen. Neukirchen-Vluyn 2018.

Ein Gedanke zu “Offenbarung 21,1-7

  1. Hallo Stefan,
    Vielen Dank für Deine Predigt. Sie hat mich noch mal weiter geführt, auch wenn ich noch nicht ganz fertig bin.
    Ich bin seit einigen Jahren auch im Rheinland, in Niederkassel im Kk An Sieg und Rhein.
    Viele Grüße,
    Katharina Stork-Denker

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