Sacharja 9,9-10

Erster Advent. Vor kurzem hatte ich auf einem Kinderbauernhof die Gelegenheit, einen Esel kennenzulernen. Esel sind wunderbare Tiere. Sie strahlen Ruhe aus und lassen sich augenscheinlich nicht aus der Fassung bringen. Geraten sie doch einmal in Stress, dann bleiben sie oft wie angewurzelt stehen. Das hat ihnen den Ruf eingebracht störrisch oder dumm zu sein.

Doch das Gegenteil ist der Fall. Esel lebten ursprünglich in felsigem Gelände. Eine kopflose Flucht wie bei Pferden würde dort zum sicheren Tod führen. Darum schauen sie genau, wohin sie treten, und sind sehr aufmerksam. Eines jedoch sind Esel nicht. Anders als Pferde sind sie nicht repräsentativ. Man kann hoch zu Ross sitzen oder auf einem stolzen Schimmel galoppieren, aber auf einem Esel reiten, das ist allemal ein demütiges Bild.

Jesus wählt einen Esel für seinen Einzug in Jerusalem. Und diese Wahl ist alles andere als Zufall. Sie ist ein Zitat. Denn der Evangelist Matthäus zitiert den Propheten Sacharja. Bei ihm findet sich die berühmte Verheißung des Friedenskönigs:

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. Denn ich will die Wagen vernichten in Ephraim und die Rosse in Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde. (Lutherbibel 2017)

Jesus zieht auf einem Esel in Jerusalem ein. Damit erweckt er die alte Hoffnung zu neuem Leben: Es wird einer kommen, der den Frieden bringt. Einen Frieden, der keine Gewinner und Verlierer mehr kennt. Das unterscheidet ja den Frieden des Gerechten und Helfers, der arm auf einem Esel reitet, vom Frieden der Feldherren und Könige, die hoch zu Ross reiten, dass es bei ihm keine Gedemütigten gibt, keine Verlierer. Das ist wichtig, weil die gedemütigten Verlierer von heute, die mit der Faust in der Tasche, die Widerstandskämpfer von morgen sind. Wo immer es Gewinner und Verlierer gibt, da gibt es keinen wahren Frieden. Da geht der Krieg in Wahrheit weiter, zuerst als kalter Krieg und früher oder später auch als heißer Krieg. Darum kann nur ein Gerechter wirklich Frieden bringen. Wo also die Kampfwagen vernichtet und der Kriegsbogen zerbrochen werden soll, da braucht es einen König, der mehr Helfer als Herrscher ist.

Einen solchen König kündigt der Prophet Sacharja an. Damals, um die Mitte des ersten Jahrtausends vor Christus, hatte er wohl keine konkrete Person vor Augen. Vieles an dieser Ankündigung bleibt dann auch vage und unklar. Sie ist mehr ein Raunen vom Frieden als eine exakte Vorhersage. Genau das macht sie aber so stark. In jeder Zeit gab es Menschen, die sich in dieser Erwartung wiedergefunden haben, die sie sich zu eigen gemacht haben. Menschen, die gesagt haben: Ich möchte in diesem Sinne wirken. Ich möchte mich gewaltlos für eine friedliche Welt einsetzen. Gewaltlos und demütig, im Bewusstsein meiner Grenzen, hier und jetzt vor Ort. Aber auch im Bewusstsein meiner Stärke und meiner konkreten Möglichkeiten.

Einer von denen, die sich in dieser Erwartung vom Friedenskönig wiedergefunden haben, ist Jesus. Er hat seinen eigenen Auftrag, sein eigenes Wirken in den Spuren dieses Friedenskönigs verstanden. Damit erfüllt er, was vom Propheten Sacharja angekündigt wurde. Erfüllung meint aber nun nicht, dass diese Verheißung damit erledigt wäre. So hat sich das Christentum in der Vergangenheit ja oft verstanden in seinem Verhältnis zum Judentum. Über Jahrhunderte galt das Judentum als die Religion der Verheißung, die die Messiasfrage offenhält. Und demgegenüber verstand sich das Christentum als Religion der Erfüllung, das mit Jesus angeblich schon die Erlösung hat. Wenn schon nicht da draußen in der Welt, dann doch wenigstens im Herzen.

Doch so einfach ist es nicht. Ja, es stimmt: Jesus hat die Verheißung des Sacharja erfüllt. Er ist als Friedenskönig in Jerusalem eingezogen. Sein Einzug auf dem Esel kommt mir, mit den Augen der Gegenwart gesehen, wie eine Art politisches Straßentheater vor. Macht und Gewalt, der Betriebsmodus von Herrschern und Königen seit jeher, wird von Jesus auf dem Esel subversiv unterwandert. Es ist eine Art Anti-Parade, die Jerusalem in Aufregung versetzt. Man muss sie in Beziehung setzten zu ihren Kontrastbildern, um ihre besondere Kraft zu verstehen. In Beziehung setzen zu den Triumphzügen der antiken Feldherren oder auch zu den Paraden heutzutage, auf dem Roten Platz, in Paris oder in Pjöngjang. Die wahre Macht liegt nicht im Abschreckungs- oder Zerstörungspotential von Waffen, sondern in der weltverändernden Kraft von Sanftmut und Barmherzigkeit. Der da auf dem Esel in Jerusalem einzieht, ist derselbe, der den Leidtragenden Trost schenkt, die Sanftmütigen zu Königen macht und die Friedensstifter Gottes Kinder nennt. Wo wir ihm folgen, in seinem Namen beten und handeln, werden wir selbst zu Friedensköniginnen und Friedenskönigen. Und das selbstverständlich nicht gegen andere, sondern nur gemeinsam mit ihnen. „Mit Israel hofft“ die Kirche „auf einen neuen Himmel und eine neue Erde“, heißt es in der Grundordnung unserer Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR). Ich könnte sinngemäß auch ergänzen: Mit Israel und allen Menschen, die guten Willens sind, hofft und arbeitet die Kirche für eine Welt, in der Frieden und Gerechtigkeit herrschen.

Was bedeutet das konkret? Der jüdische Historiker Gershom Scholem (1897-1982), der sich sein Leben lang mit der jüdischen und christlichen Messiashoffnung befasst hat, meinte einmal:

„Es gibt, genau verstanden, jenes Konkrete gar nicht, das von nichterlösten Wesen vollzogen werden könnte.“[1]

Mit meinen Worten: Alles, was wir tun, steht unter einem Vorbehalt. Wir können nicht die Erlösung bewirken, weil wir Menschen sind, die irren und Fehler machen. Wir können aber aufbrechen, in die richtige Richtung schauen und erste Schritte gehen. Wir können versuchen, Gott in dieser Welt einen Weg zu bereiten. Irrtum und Umkehr immer vorbehalten. Und darum ist es so wichtig, dass wir uns nicht als einsame Wesen sehen in dieser Welt, sondern immer als Menschen, auf die Gott zukommt. Wir leben im Advent Gottes. Gott kommt auf uns zu.

Zu diesem Kommen Gottes gehört es, dass wir immer wieder unversehens die Chance bekommen, das Gerechte in dieser Welt zu tun. Das sind die Zeichen seines Kommens, dass sich auf einmal Türen öffnen und Wege ergeben, die wir gehen und auf denen wir wirken können.

Darum feiern wir heute den 1. Advent und schärfen unsere Sinne. Wo können wir aufbrechen, dem kommenden Gott und seinem Frieden entgegengehen? Schritt für Schritt, wachsam und manchmal ein bisschen störrisch wie der Esel.

Gebet

Gott Abrahams, Vater Jesu Christi,

wir danken dir, dass wir mit

Deinem Volk Israel auf einen neuen Himmel

und eine neue Erde hoffen dürfen.

Erwecke uns aus dem

Schlaf der Hoffnungslosigkeit,

öffne unsere Augen für Dein Kommen

und stärke unsere Hände und Füße,

dass wir Dir entgegengehen.

Gott, es ist alles so anders in diesem Jahr.

Du hast uns aus den Händen genommen,

was uns sonst so wertvoll ist in dieser Zeit.

Die Weihnachtsmärkte und Adventsfeiern,

die Gemeinschaft und die festliche Stimmung.

Wir bitten dich:

Schenke uns Geduld und Hoffnung.

Hilf uns einen Sinn zu sehen in dem,

was uns jetzt so schwerfällt.

Stärke alle, die in dieser Woche

um das Leben und die Gesundheit

ihrer Patienten kämpfen.

Sei du der Gefährte der Einsamen

und der Trost der Sterbenden.

Wir sagen dir, was uns bewegt. …

Gott, nun komm!

Sei du unser Licht und unsere Hoffnung.

Amen.


[1] Gershom Scholem: Über einige Grundbegriffe des Judentums. Frankfurt a.M. 1970, 167.

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