Lukas 1,67-79

Dritter Advent. Jede Taufe, die wir miteinander feiern, erinnert uns an unsere eigene Taufe. Diejenigen von uns, die als Erwachsene getauft wurden, haben das Glück der eigenen Erinnerungen. Die anderen lassen sich erinnern, durch Erzählungen, Bilder oder Symbole. In jedem Falle ist die Taufe verbunden mit Menschen. Mit denen, die dabei waren als Gemeinde oder als Familie, und auch mit denen, die sie durchgeführt haben. Bei einem von denen wurde das Taufen sogar zum Bestandteil seines Namens. Johannes, der Täufer. Um ihn geht es im Evangelium für den heutigen dritten Advent.

Wie die Geschichte der Geburt Jesu so ist auch die Geschichte der Geburt des Johannes eine besondere. Sein Vater Zacharias verstummte, als der Engel ihm und seiner betagten Frau Elisabeth die Geburt eines Sohnes ankündigte. Als es dann soweit war und die Eltern des Kindes gegen die murrende Verwandtschaft den Namen Johannes durchgesetzt hatten, da konnte Zacharias auch wieder sprechen. Erste Worte, Worte, die aus dem Schweigen kommen, haben eine besondere Kraft. So auch hier. Die Worte des Zacharias kommen alles andere als zufällig daher. Es sind sorgfältig gewählte, durchkomponierte Worte, tatsächlich ein „Lobgesang“ wie ein Psalm. Zu recht sind sie als „Benedictus“ in das Morgengebet unserer Kirche eingegangen.[1]

Zacharias lobt Gott. Er hat allen Grund dafür. Denn in der Geburt seines Sohnes Johannes sieht er ein Zeichen für das Kommen Gottes, ein Vorzeichen der Erlösung. Er erkennt Gottes Handeln wieder, indem er an die Geschichte seines Volkes Israel erinnert. Gott hat mit dem Abraham einen Bund geschlossen und ist seitdem und bis auf den heutigen Tag diesem Bund treu geblieben. Gott hat immer wieder sein Volk Israel gerettet, hat ihm Leben und viel Gutes geschenkt. Zu diesem Guten gehört auch die Möglichkeit, Gott zu dienen, ein Leben „in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen“ zu führen. Dazu braucht es Propheten. Menschen, die das Volk immer wieder neu auf den Willen Gottes ausrichten, ihm Orientierung geben. Und nun ist es wieder so weit. Die Zeit des Zacharias ist eine dichte Zeit. Es kündigt sich etwas Neues an. Wir kennen solche Zeiten, wenn Ahnungen und Intuitionen sich zu Gewissheiten verdichten: Es geht etwas zu Ende und etwas Neues scheint auf. Wir wissen noch nicht genau, wie es sein wird.

Johannes verkörpert diesen Übergang zu etwas Neuem. Er wird zum Propheten, der auf Jesus hinweist. Er wird zu seinem Wegbereiter. Davon ist seine ganze Existenz zutiefst geprägt. Er ist „stark im Geist“, weiß Lukas (1,80), und lebt in der Wüste, am Ort vollkommener Konzentration. Johannes ist fokussiert auf das Kommen des Reiches Gottes, und er gestaltet den Übergang in dieses Reich, indem er Menschen im Jordan untertaucht. Alles, was sie von Gott trennt, wird weggewaschen. Die Kraft des Wassers reinigt und erneuert das Leben. Erst dadurch, erst im Vollzug, indem Menschen diesen Schritt wirklich gehen, wird im Nachhinein sichtbar, wie groß Gottes Barmherzigkeit schon immer war. Wie groß aber auch die Schuld war, die uns von ihm trennte.

Einer, der sich so von Johannes taufen lässt, ist Jesus. Und es geschieht genau das, was Zacharias in seinem Lobgesang vorausgesehen hatte: Jesus geht das Licht aus der Höhe auf. Der Geist Gottes, die heilige Energie kommt über ihn und macht ihn gewiss: „Du bist mein lieber Sohn.“ (3,8) Du gehst den Weg des Friedens.

Du gehst den Weg des Friedens, bis zu Ende, auch durch Widerstand und Feindschaft hindurch. Und ich stelle dir Menschen an deine Seite, die diesen Weg mitgehen und weitergehen bis ans Ende der Zeiten.

Darauf kommt es an, dass wir den Weg des Friedens, den Johannes uns durch die Taufe eröffnet hat und den Jesus dann für uns gegangen ist, dass wir diesen Weg mitgehen und weitergehen. Gott kommt zur Welt. Und wir sagen: Gott, komm auch zu uns, damit wir dich sehen und loben wie Zacharias. Komm, Gott, und schenke uns die Konzentration, den Fokus des Johannes, damit wir spüren: Jetzt verdichtet sich wieder die Zeit. Etwas Altes geht unwiderruflich zu Ende und Neues kommt zur Welt. Es kann auch durch uns zur Welt kommen, wenn wir mitgehen auf den Weg des Friedens, wenn wir Jesus nachfolgen.

Nun erleben wir in diesem Jahr noch eine Zeitverdichtung anderer Art. Parallel zu den Adventswochen verdichtet sich die Nachricht: Der Impfstoff ist da. Und bald wird er kommen, Rettung naht. Nur noch ein bisschen, dann kommt sie auch zu uns. Das ist zweifellos eine gute Nachricht, für die wir Gott loben und danken sollten. Nur eines ist auch klar: Wirksam wird der Impfstoff nur, wenn wir ihn auch benutzen. Es braucht auch ein Tun unsererseits. Neben all‘ den Regeln, an die wir uns nun schon seit Monaten halten, machen wir uns nun bald auch auf den Weg zur Impfstelle, zum Hausarzt oder an andere Orte, wo der langersehnte Stoff zu haben sein wird.

Im Grund ist es mit der Taufe wie mit der Impfung. Nützen wird sie uns nur, wenn wir Gebrauch davon machen, wenn wir uns auf den Weg machen. Wie dieser Weg aussieht, das kann nicht einer für alle sagen. Sondern dass muss jeder und jede für sich entscheiden, in Freiheit und Verantwortung für das eigene Leben. Für manche Menschen ist es der Beruf, in dem sie ihrer Berufung folgen. Zum Beispiel bei Ariadne, der Notaufnahme für Frauen der Diakonie Düsseldorf. Oder indem sie Pfarrerin werden. Aber nicht nur kirchliche und diakonische Berufe bieten diese Möglichkeit. Ich glaube, die Welt braucht Christinnen und Christen, die in jedwedem Beruf ihrer Berufung folgen, die Christus folgen und darum auf dem Weg des Friedens gehen. Dietrich Bonhoeffer hat die Berufstätigkeit einmal als „Nahkampf“[2] der Christinnen und Christen bezeichnet in einer Welt, die gute und gerechte Lösungen braucht. Das geht nicht immer ohne Widerstand und Auseinandersetzungen. Aber auch dort wird es so sein, dass sich manchmal die Zeit verdichtet, dass sich Richtungsentscheidungen ankündigen und dann die Stimme von Menschen zählt, die sagen: Ich wähle das, was den Frieden schafft, was langfristig das Beste für alle ist, was Zukunft ermöglicht und das Vertrauen der Menschen stärkt.

Dazu stärke und segne uns Gott, damit wir am Ende sagen können:

Gelobt sei der Herr, der Gott Israels!

Denn er hat besucht und erlöst sein Volk.

Gebet

Barmherziger Gott!

Mit Zacharias loben wir dich und danken dir.

Wieder und wieder besuchst du uns

und willst uns erlösen.

Wir bitten dich:

Lass uns die Vorzeichen deines Kommens sehen.

Zeige uns, wo wir uns mit dir auf den Weg machen können.

Erlöse uns von der Plage der Pandemie.

Stärke unsere Geduld in den kommenden Wochen.

Sei bei denen, die jetzt Impfzentren aufbauen

und in den Krankenhäusern um jedes Leben kämpfen.

Erlöse uns von der Leere bloßer Sentimentalität.

Stärke im Advent die Wurzeln unserer Hoffnung.

Sei bei denen, die in Schulen und Jugendzentren

in Wort und Tat den Frieden zur Welt bringen.

Erlöse uns von Trägheit und Routine.

Stärke den Mut zu neuen Wegen.

Sei bei denen, die in ihrem Beruf

nach deinem Willen fragen und ihn tun.

Erhalte uns in der Hoffnung auf dein Kommen

und im Glauben an deinen Sohn Jesus Christus.

Amen.


[1] Evangelisches Gesangbuch (EG), Nr. 768.

[2] Dietrich Bonhoeffer: Nachfolge (DBW 4), S. 35.

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