Jesaja 11,1-10

Christvesper am Heiligabend. Ganz gleich, was heute Abend auf den Tisch kommt, – ob Würstchen mit Kartoffelsalat oder Gans oder Raclette oder Fleischfondue oder Karpfen –, es gehört in jedem Falle zum Weihnachtsfest dazu, dass es etwas Leckeres zu essen gibt. Heute ist kein Fastentag, und wer an Heiligabend Kalorien zählen will, der hat sich wohl irgendwie im Datum vertan. Wie ein reichhaltig gedeckter Tisch kommt mir auch der Predigttext aus dem Buch des Propheten Jesaja vor.

Jesaja sagt die Ankunft eines neuen David an. David, dieser Name steht im Alten Testament für die Blütezeit des Königtums in Israel. David war der ideale König, nicht ohne Fehler, aber dennoch vorbildlich. Und das nicht zuletzt auch deshalb, weil er Verantwortung übernehmen, Fehler eingestehen und um Vergebung bitten konnte.

Jesaja kündigt einen neuen David an. Das weckt große Erwartungen. Es kommt einer, der Gott nahe ist, der aber zugleich um seinen Unterschied zu Gott weiß. Ein kluger und weiser Mensch, der zugleich auch stark ist und den Armen zu ihrem Recht verhilft. Unter seiner Herrschaft entsteht ein Friedensreich, das geradezu paradiesische Züge trägt: Es herrschen Frieden und Gerechtigkeit nicht nur zwischen den Menschen, sondern auch zwischen Mensch und Tier und zwischen den Tieren untereinander. Frieden und Wohlergehen, wohin man schaut! Auf der Speisekarte dieses Paradieses klingt ein Gang besser als der andere, und am Ende lehnt man sich erschöpft und ein bisschen verkatert zurück.

Warum nur sieht unser Leben so anders aus?

Das zurückliegende Jahr 2020 ist in vieler Hinsicht ein besonders karges Jahr gewesen. Hatten wir zunächst vielleicht noch die Hoffnung, vom Corona-Virus verschont zu bleiben, zeichnete sich bald ab, das es nicht haltmachen würde vor den Grenzen von Ländern und Kontinenten. Mitte März hätte manch einer das Jahr 2020 am liebsten bereits abgehakt und hinter sich gelassen. Es folgten erster Lockdown, ein Osterfest ohne Gottesdienste, ein Mangel an Alltagsgütern, den wohl niemand für möglich gehalten hätte. Ein Mangel aber auch an menschlichen Kontakten, an Nähe und Gemeinschaft. Und besonders schmerzlich: Es folgten all‘ die Menschen, die schwer erkrankten und an der Krankheit gestorben sind.

Warum nur sieht unser Leben so alles andere als paradiesisch aus?

Vielleicht auch deshalb, weil das Paradies eben kein Normalzustand ist. Das Paradies ist Sinnbild all‘ unserer Sehnsüchte. Ein Ort, der in der Regel weit weg ist und doch immer wieder am Horizont aufscheint wie der Stern über Bethlehem.

Das Paradies, von dem die Bibel spricht, ist aber vor allem ein Ort, der nicht einfach vom Himmel fällt.

Die Botschaft von Weihnachten lädt uns vielmehr ein, dem Himmel auf Erden einen Weg zu bereiten. Der neue David ist gekommen. Er ist das Kind in der Krippe. Der Mensch Jesus, der uns zeigt, wer Gott für uns ist. Und der uns zeigt, wie wir unser Leben vor Gott führen können.

Ein Leben auf den Spuren von Jesus Christus, das ist ein Leben in der Kraft des Geistes Gottes. Gott kommt zu uns und verändert durch die Kraft seiner Liebe unser Leben. In welcher Weise dies geschieht, darauf gibt uns der Prophet Jesaja Hinweise.

Gottes Geist bewirkt in uns Weisheit und Verstand. Das Jahr 2020 war wie kein anderes, an das ich mich erinnern kann, geprägt von den Erwartungen an die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in unserem Land und weltweit. Die Erforschung der Krankheit, die Erarbeitung von Schutzmaßnahmen und nicht zuletzt die Entwicklung des Impfstoffs, das sind beeindruckende Leistungen der Wissenschaft. In der Weihnachtsgeschichte wird die Wissenschaft ja repräsentiert durch die drei Weisen aus dem Morgenland. Sie stehen stellvertretend auch für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unserer Tage und sie zeigen: Wissenschaft ist ein Geschenk Gottes. So wertvoll wie Gold, Weihrauch und Myrrhe sind uns die Erkenntnisse von Virologen und Klimaforscherinnen, von Soziologen und Historikerinnen. Sie leisten einen wichtigen Beitrag zu einem guten Leben für alle. Ihr Geschenk an uns sind Urteilsfähigkeit, Klugheit und Orientierung in komplizierten Zeiten. Denn allzu oft war guter Rat teuer im vergangenen Jahr, manchmal sogar unbezahlbar.

Gottes Geist aber bewirkt in uns genau das: Rat und Stärke. Wie oft haben wir den Satz gehört, dass es für dieses besondere Jahr keine Blaupause gab und keine fertigen Konzepte.

Das ist ja gerade der große Irrtum aller Verschwörungsmythologen, dass sie meinen, alles laufe nach einem geheimen Plan ab, der irgendwo im Verborgenen von langer Hand ausgedacht und dann von dunklen Kräften ins Werk gesetzt wurde. Solche Erzählungen leben davon, dass es genau diesen Plan nicht gibt und wir alle miteinander um den richtigen Weg ringen müssen.

Das beste Mittel ist und bleibt dabei, sich zu beraten und beraten zu lassen. Das ist gute Praxis in einer Demokratie wie der unseren und liegt im übrigen auch in der DNA der evangelischen Kirche. Gemeinsam hören wir auf das Wort der Bibel und suchen darin nach dem Wort Gottes für uns.

So sehr manchmal guter Rat teuer ist, so frei, so gratis ist Gottes Geist für uns zu haben. Es reicht, darum zu bitten.

Und nicht zuletzt bewirkt Gottes Geist in uns die Erkenntnis Gottes selbst und wahre Gottesfurcht.

Jesus Christus ist uns von Gott geschenkt als deutliches Zeichen dafür, wer Gott für uns ist. Ein Gott, der mit uns geht. Der Gerechtigkeit nicht zuerst von uns fordert, sondern uns zuerst schenkt und dann neue, gerechte Menschen aus uns macht. Menschen, die ihr Leben in Gott verankern dürfen. Die unabhängig von den Kursschwankungen menschlicher Wertschätzung um ihre Würde wissen. Menschen, die ihr Leben Gott verdanken und daraus Mut für ihren Alltag schöpfen. Genau das meint ja Gottesfurcht: Die Gewissheit, dass wir in Gottes Hand stehen und darum niemanden fürchten müssen.

Ganz gleich, was bei Ihnen heute Abend auf den Tisch kommt oder unter den Baum, ich wünsche Ihnen, dass Sie satt werden und reich beschenkt mit den Gaben des Geistes, mit Kraft von Gott für sich selbst und all‘ Ihre Lieben, wo immer sie heute sind.

Gebet

Du Gott und Vater Jesu Christi,

wir danken dir für Dein Kommen in die Welt.

Du schenkst uns Erlösung und

erneuerst das Angesicht der Erde.

Komm nun auch zu uns.

Wie oft waren wir ratlos in diesem Jahr.

Wussten nicht, was vor sich geht, wussten nicht, was zu tun ist.

Sei du unser Ratgeber.

Schenke uns Weisheit und Verstand, damit wir in den kommenden

Tagen und Wochen unseren Beitrag leisten zur Bewältigung der Corona-Pandemie.

Schenke uns Rat und Stärke, damit wir einander beistehen und gemeinsam fragen,

was jetzt gut und hilfreich ist. Bewahre uns vor Ungeduld und Zorn.

Wie oft haben wir nach dir gefragt.

Sind zweifelnd und ohnmächtig für uns geblieben, allein mit unserer Sehnsucht.

Hilf uns, Dich zu erkennen.

Zeige uns, wo du gegenwärtig bist in unserer Welt, damit wir trotz

Angst und Sorge wieder Vertrauen fassen in die Güte und Schönheit deiner Schöpfung.

Stehe allen bei, die gerade heute Abend krank oder einsam sind.

Sei ihr Heiland und Gefährte.

Hilf uns, in Frieden beieinander zu sein in Partnerschaften und Familien,

hier in unserem Land und überall auf der Erde.

Zeige uns den Glanz dieser Nacht. Lass uns heute Ruhe finden in Dir.

Amen.

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