Jesaja 52,7-10

Erster Weihnachtstag. Das Jahr 2020 werden viele von uns als das Corona-Jahr in Erinnerung behalten. Ostern und Weihnachten ohne Präsenzgottesdienste, das hat es noch nie gegeben. Noch nie gegeben hat es auch ganz viele andere Angebote in diesem Jahr. Manche davon sind kurios. Zum Beispiel der Drive-in-Weihnachtsmarkt in Kalkar. Menschen fahren mit ihren Autos durch ein Winter-Wunderland und versuchen, Kunstschnee und Musik, Glühwein und Krippe zu genießen.

Wem es gefällt, der möge es besuchen. Mir kommt es vor wie ein verzweifelter Versuch, ein klein wenig zu retten von dem, was viele Menschen sich unter einem normalen Weihnachtsfest vorstellen. Dabei heraus kommt nicht viel mehr als ein trauriger Ersatz.

Natürlich wäre es billig, darüber zu sprechen, ohne mich sofort selbst zu fragen:

Wie ist es denn bei uns in der Kirche? Gelingt es uns denn, unter diesen Bedingungen Weihnachten richtig zu feiern? Und wie macht man das überhaupt, Weihnachten richtig feiern?

Der Predigttext für den 1. Weihnachtstag gibt Hinweise. Er steht im Buch des Propheten Jesaja:

Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König! Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und jubeln miteinander; denn sie werden’s mit ihren Augen sehen, wenn der Herr nach Zion zurückkehrt. Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der Herr hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst. Der Herr hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.

(Jesaja 52,7-10; Lutherbibel 2017)

Der Prophet Jesaja spricht von einem Freudenboten. „Seid fröhlich und jubelt miteinander“, fordert er die Trümmer Jerusalems auf. Unwillkürlich stehen mir Bilder von Trümmerlandschaften vor Augen. Dresden 1945 oder auch Düsseldorf. Viele von den Älteren unter uns haben diese Trümmer als Kinder noch gesehen. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis ihre Spuren im Stadtbild beseitigt wurden. Heute leben wir in einer äußerlich trümmerfreien Stadt und haben dennoch in diesem Jahr erlebt, wie verletzlich wir sind. Wie viele Projekte zu Bruch gegangen sind, wie viele Menschen schwer krank wurden oder gestorben sind. Und nun das: Selbst Weihnachten liegt in Trümmern, ist heruntergekommen auf eine Fahrt durch den Freizeitpark oder eine Sendung im Internet.

Wenn wir dem Freudenboten des Jesaja über den bergigen Weg trauen, dann sind diese Trümmer, so unübersehbar sie sich türmen, kein Hindernis für die gute Nachricht von Weihnachten. Denn diese gute Nachricht besteht zuerst in einem unscheinbaren Satz, so klein wie das Kind in der Krippe und so leicht zu übersehen, dass er in unserem Predigttext noch nicht einmal mit abgedruckt ist.

„Hier bin ich“, spricht Gott. „Hier bin ich“, heißt es (in Vers 6) unmittelbar vor dem Predigttext. Und eigentlich steckt in diesem „Hier bin ich“ schon die ganze Weihnachtsbotschaft.

Gott ist da. Im Leben und Wirken des Jesus von Nazareth kommt er zu uns. Er zeigt uns: Gott ist da. Ja, mehr noch: Gott ist mit seiner Liebe für uns da.

Natürlich gibt es immer wieder Situationen im Leben, in denen wir das kaum glauben können. Wo ist Gott?, fragen wir dann. So hat das Volk Israel gefragt, als der Tempel in Jerusalem zerstört wurde und seine Repräsentanten ins Exil mussten. So fragen auch wir heute, wenn wir das Wüten der Corona-Pandemie sehen, in den meisten anderen Ländern der Erde ja noch weit schlimmer als bei uns. Wo bist du Gott?

„Hier bin ich“, spricht Gott. Hier in diesem Menschen Jesus, der in meiner Kraft lebt und wirkt, der Heil und Leben zu euch bringt. Der verletzlich ist wie ihr und durch den dennoch das Leben der neuen Welt zu euch kommt.

Stellen wir uns doch mal einen Moment lang vor, das wäre wirklich wahr.

Jenseits aller Winter-Wunderland-Romantik, jenseits aller Weihnachtsbräuche käme in diesem Kind wirklich Gott zu uns.

Was wäre das für ein Erstaunen! Was für ein Befremden!

Gott mitten in unserer Aufregung über Pandemie und Lockdown, in unserer Sorge um unsere Lieben, in unserer Verletzlichkeit, in unserem Frust über all‘ das, was ausgefallen, verschoben und vertagt wurde in diesem Jahr.

Gott selbst unter uns, nicht nur ein frommes Bild von ihm oder ein Stück Religion.

Was wäre das für eine Erlösung! Was für eine Freude!

Ich stelle mir vor: Eine Freudenbotin – vielleicht die mit den schönen Schuhen und den lieblichen Füßen hinten links – würde aufspringen und laut rufen:

Gott ist da! Freut euch und jubelt mit mir, die ihr jetzt noch unter den Trümmern eurer Projekte und Planungen liegt und euch ängstlich fragt:

Wie soll das alles werden? Werden wir jemals wieder einen Weg ins Leben finden?

Freut euch und jubelt, denn: Gott ist da! Dein Gott ist König!

Wirklich?

Kann das denn wahr sein?

Nicht das kleine Virus mit der Krone, sondern Gott ist König?

Ja, Gott ist König.

Heute haben wir ihn gekrönt. Heute jubeln wir ihm zu und sagen: Du bist es.

Hilf uns! Sei bei uns! Wir brauchen dich!

Das ist für mich die erste und wichtigste Antwort auf diese Botschaft:

Gott ist König. – Ja, Gott, ich brauche dich.

Es gäbe gewiss ganz andere und viel klügere Antworten auf diese Botschaft.

Man könnte gelehrte Vorträge darüber halten, wo Gottes Regieren als König denn nun festzustellen ist im Lauf der Welt. Ob überhaupt und, wenn ja, wie sich seine Regierung zu all‘ den anderen Regierungen verhält, die wir noch so haben in Bund, Ländern und Gemeinden, in Berlin und Moskau, in Peking und Washington. Wie Gottes Macht mit all‘ den anderen Mächten und Gewalten umgeht, die uns bedrohen und bedrängen.

Und es gäbe sicherlich viele kluge Leute, die dazu viel zu sagen hätten. Am meisten wahrscheinlich diejenigen, die so etwas wie ein Königtum Gottes für eine ganz und gar abwegige Idee halten. Und ja, ich stimme zu. Als bloße Idee im Kopf ist es damit nicht weit her.

Es kommt alles darauf an, dass wir mit unserem Leben eine Antwort darauf geben.

Die erste und wichtigste Antwort ist für mich die einfache Bitte um all‘ das, was ich zum Leben brauche. Die Bitte um das tägliche Brot, wie Jesus sie uns im Vaterunser lehrt, die Bitte um Liebe und Freundschaft, um Gesundheit und ein gutes Leben, um Frieden und Gerechtigkeit in der Welt.

So wie jedes Jahr nach Weihnachten die unliebsamen Geschenke umgetauscht werden, so bringe ich alles, was ich nicht brauchen kann und haben will, zur Krippe und sage: Hier, nimm bitte, und schenke mir Vertrauen dafür.

Nimm die Sorge um meine alten Eltern und beschütze sie. Nimm die Sorge um den Schulbesuch meiner Tochter und stärke sie auf ihrem Weg. Nimm die Sorge vor Hass und Gewalt in unserem Land und stärke Demokratie und Zusammenhalt.

Und dann staune ich jedes Mal wie das Kind am Weihnachtsabend, wenn Gott sein Königtum zeigt. Wenn die Schönheit seiner Schöpfung hell erstrahlt über den Trümmern, die wir angerichtet haben. Wenn wider Erwarten doch alles gutgeht und wir noch einmal davongekommen sind. Wenn sich trotz Angst und Sorge die Gewissheit einstellt: Da geht einer mit und sorgt für uns.

Wie macht man das überhaupt, Weihnachten feiern? In diesem Jahr und überhaupt?

Es ist eigentlich denkbar einfach und manchmal doch so schwer. Um das zu bitten, was wir brauchen und uns nicht selbst geben können, das braucht ein bisschen Mut. Denn es macht uns wieder kindlich. Es bringt uns auf Augenhöhe mit dem großen Gott, der ein kleines Kind wird, der um unser Vertrauen wirbt und dann mit auf den Weg nimmt.

Wohin es mit uns geht, das ahnen wir: Es wird schon gut werden.

Denn: Unser Gott ist König!

Amen.

Gebet

Herr, unser Gott!

wir danken dir:

Du bist zu uns gekommen.

Du bist für uns da.

Du bist unser König!

Wir können es noch gar nicht fassen.

Noch ein bisschen verhalten ist unser Jubel.

Die Trümmer dieses Jahres wiegen schwer.

Und dennoch haben wir dich gehört

und bitten dich:

Schenke uns Zutrauen zu deiner Gegenwart.

Schenke uns die Gewissheit,

dass du uns hörst, wenn dir dich bitten:

Um Leben und Gesundheit unserer Lieben.

Um Brot und Gerechtigkeit für die Welt.

Um Frieden zwischen den Ländern der Erde.

Um Heilung für die Kranken.

Um Trost für die Sterbenden.

Um Glauben für deine Kirche.

Um Hoffnung für alle, die gerade heute verzweifeln.

Um alles das, was wir dir sagen: …

Gott, unser König!

Mach Menschen aus uns, die dir folgen

und leben in der Gemeinschaft deines

Sohnes Jesus Christus. Amen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s