Epheser 5,1-9

Okuli. Ich sitze auf der Bank in der Sonne und genieße die Wärme der ersten Sonnenstrahlen in meinem Gesicht. Um mich herum tönt fröhliches Kindergeschrei. Die Natur blüht auf. Alles wird grün. Das Leben erwacht. „Lebt als Kinder des Lichts“ höre ich den Widerhall alter Worte in mir. Nichts leichter als das. Und wie schön muss das sein!

Sie stehen im Epheserbrief, diese alten Worte:

1 So ahmt nun Gott nach als geliebte Kinder 2 und wandelt in der Liebe, wie auch Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer, Gott zu einem lieblichen Geruch. 3 Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört, 4 auch nicht von schändlichem Tun und von närrischem oder losem Reden, was sich nicht ziemt, sondern vielmehr von Danksagung. 5 Denn das sollt ihr wissen, dass kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Habsüchtiger – das ist ein Götzendiener – ein Erbteil hat im Reich Christi und Gottes. 6 Lasst euch von niemandem verführen mit leeren Worten; denn um dieser Dinge willen kommt der Zorn Gottes über die Kinder des Ungehorsams. 7 Darum seid nicht ihre Mitgenossen. 8 Denn ihr wart früher Finsternis; nun aber seid ihr Licht in dem Herrn. Wandelt als Kinder des Lichts; 9 die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit. (Epheser 5,1-9; Lutherbibel 2017)

Groß sind diese alten Worte. Sie beschäftigen sich nicht mit dem alltäglichen Klein-Klein, sondern mit den großen Linien des Lebens, mit der Richtung und Haltung unseres Lebens. Die Richtung, in die es geht, ist hell und klar: Zur Sonne, zum Licht drehen wir uns wie die Blumen im Frühling. Und unser Licht heißt Christus.

Wenn wir uns an ihm orientieren, wenn wir seine Liebe nachahmen, dann trägt unser Leben Früchte. Und diese Früchte tragen die allerschönsten Namen. Sie heißen „Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit“.

Spätestens hier spüre ich, wie sich Widerstand in mir regt. Ist das wirklich alles so klar und einfach, wie es im hellen Licht der Frühlingssonne aussieht?

Offensichtlich nicht. Denn der Verfasser des Epheserbriefs hält es für geboten, seine Adressaten zu ermahnen. Sie sollen sich von „schändlichem Tun und von närrischem oder losem Reden“ fernhalten. Auch „Unzucht“, „Habsucht“ und „Götzendienst“ sollen aus dem Leben der Christen verbannt werden.

Wenn solche Reizwörter ausgesprochen werden, dann ziehen sie unweigerlich alle Aufmerksamkeit auf sich. Was ist wohl mit ihnen gemeint?

Manchmal binden sie unsere Phantasie so sehr, dass wir kaum dazu kommen, stattdessen das Positive und Helle, das Gute und Schöne in den Blick zu nehmen.

Geht es doch eigentlich darum, Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit anzustreben!

Ich glaube jedoch, an dieser Stelle gibt es kein striktes Entweder-Oder.

Oder anders gesagt: Wenn wir als Kinder des Lichts leben wollen, wenn wir ins Helle aufbrechen, dann werden wir unweigerlich auch mit unseren eigenen Schattenseiten konfrontiert. Wo uns die Wahrheit entgegentritt, da sehen wir auf einmal, wie viele Halbwahrheiten und Lügen verbreitet werden. Und – besonders schmerzhaft – wir spüren, wo wir es selbst mit der Wahrheit nicht so genau nehmen.

Wer ins Helle tritt, sieht die Schatten, auch die eigenen.

Und darum ist es gut und richtig, wenn wir davor nicht die Augen verschließen, sondern uns dem Licht der Wahrheit aussetzen. Es ist gut und heilsam, wenn wir die eigenen Schattenseiten nicht verdrängen und verleugnen, sondern sie in das Licht der Liebe Gottes tauchen lassen.

Denn das ist möglich und davor müssen wir uns nicht fürchten, weil „Christus uns geliebt hat und hat sich selbst für uns gegeben als Gabe und Opfer“.

Durch diese Liebe werden wir dann tatsächlich befreit, nach der Güte und der Gerechtigkeit und der Wahrheit zu streben. Nicht als Menschen, die ganz und gar ohne Schatten, die ganz und gar perfekt wären. Das wird nie so sein. Aber als Menschen, die sich auf den Weg machen.

Solche Menschen lasst uns sein. Menschen, die sich auf den Weg ins Helle machen. Die sich durch Christus erleuchten lassen. Nicht nur im Kopf, sondern als ganze Menschen, auch mit unseren Herzen und Händen.

Je mehr wir dabei auf die Kraft des Geistes Gottes vertrauen, umso besser.

Der Predigttext wandelt dabei selbst auf einem schmalen Grat. Einerseits lässt er keinen Zweifel daran: Die treibende Kraft hinter dem Guten, das wir tun, ist Gottes Geist, seine Liebe, die allen Hass überwindet und am Ende aus dem Tod errettet. Andererseits steht er in der Gefahr, mit den kritisierten Verhaltensweisen auch die selbstkritische Auseinandersetzung damit zu verdrängen. Oder anders gesagt: Das Kind wird mit dem Bade ausgeschüttet, wenn es heißt: „Von Unzucht aber und jeder Art Unreinheit oder Habsucht soll bei euch nicht einmal die Rede sein, wie es sich für die Heiligen gehört.“

So entstehen Tabus. So entsteht moralische Verkrampfung. Und so werden Probleme eben gerade nicht gelöst, sondern allenfalls unter den Teppich gekehrt. Das gibt es, leider auch in der Kirche.

Darum meine ich: In der Kraft des Geistes Gottes können wir uns auch dem Unangenehmen, dem lange Verdrängten stellen. Nichts muss unter den Teppich gekehrt werden. Im Gegenteil: Das Licht Christi strahlt ja so hell, dass die Schatten des Todes es gerade nicht verdunkeln können. Es strahlt hell und weckt unsere Phantasie für das Reich Gottes.

Phantasie für das Reich Gottes, damit meine ich: Wir nehmen Teil am Weg Jesu Christi durch die Welt. Wir gehen mit. Und auf diesem Weg halten wir Ausschau nach guten Gelegenheiten.

Wo habe ich heute die Möglichkeit, Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit zur Welt zu bringen?

Heute ist Sonntag. Der Tag, an dem wir Atem holen und uns ausruhen. Für mich gehört zu diesem Tag dazu, die Güte und Schönheit der Welt bewusst wahrzunehmen, zum Beispiel bei einem Spaziergang. Diese Welt ist gut, auch mit und trotz Corona. Und diese Welt zu bewahren und zu beschützen, das fängt mit uns selbst an, denn wir sind ein Teil von ihr.

Heute ist Sonntag. Der Tag, an dem wir nicht arbeiten und damit der Welt zeigen: Wir können uns das Leben nicht selbst geben, gleichgültig wie sehr wir uns anstrengen. Wir sind auf Geschenke angewiesen. Auf das Geschenk der Gerechtigkeit Gottes, der uns sagt: Du bist gut in meinen Augen, die anderen aber auch. Darum lass sie leben, wie ich dich leben lasse.

Heute ist Sonntag. Der Tag, an dem wir Gottes Wort hören und auf uns wirken lassen. Das Evangelium von Jesus Christus nimmt uns mit auf seinen Weg. Seine Wahrheit macht uns frei und macht uns zugleich zu Anwälten jeder Form von Wahrheit, auch der kleinen und alltäglichen. Wo immer wir Wahrheit sprechen, wird die Welt ein bisschen heller. Dann geht die Sonne auf. Dann leben wir als Kinder des Lichts.

Nichts ist schöner als das.


Literatur: Heino Falcke, Phantasie für das Reich Gottes. Der theologische Weg Jürgen Moltmanns. In: Evangelische Theologie 61 (2001), 154-162.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s