Hebräer 11,1-2(8-12); 12,1-3

Palmsonntag. Nein, nicht schon wieder! Dieser Gedanke durchfuhr mich wie ein Blitz, als sich am Dienstag der vergangenen Woche die Ergebnisse der Bund-Länder-Gespräche abzeichneten: An Ostern sollten auch dieses Jahr keine Gottesdienste stattfinden. Jedenfalls nicht in der gewohnten präsenten Form, mit echten Menschen gemeinsam in einem Kirchenraum. Mittlerweile ist die Politik zurückgerudert. Aufregung und Verwirrung waren groß. Am Ende haben wir selbst eine verantwortliche Entscheidung für Online-Gottesdienste getroffen. Vom Standpunkt des Corona-Schutzes ist das vernünftig. Und darum trage ich diese Entscheidung ja auch mit, keine Frage​. Doch wir Menschen haben ja nicht nur vernünftige Anteile. Ich spüre, wie mir die Situation zunehmend Mühe bereitet.

Zu zahlreich sind die schlechten Nachrichten, die uns erreichen. Die Impfkampagne erstickt in Bürokratie und Sorge vor Nebenwirkungen. Quarantäne-Fälle sowie drohende Schul- und Kita-Schließungen bringen Eltern um den Verstand und zunehmend auch um den Schlaf. Die sonst vorhandenen Kompensationsmöglichkeiten – die Kurzreise am Wochenende, der Osterurlaub, das Picknick mit Freunden – alles in weite Ferne gerückt. Stattdessen Homeoffice und Streaming-Gottesdienste. Statt kulturellem Leben das heimische Sofa mit Netflix & Co. Der Abendspaziergang mit Abstand und Maske als höchste Form der Freizeitgestaltung.

Kein Angst, ich höre schon auf. Mein innerer Zensor ist längst auf dem Plan und erhebt seine Stimme: „Jetzt beschwer dich nicht. Anderen geht es doch viel schlechter.“ Stimmt! Den Flüchtlingen im Mittelmeer geht es schlechter als mir, nicht nur wegen Corona. Und das möchte ich auch gar nicht aus dem Blick verlieren.

Doch ich spüre: Der Versuch, mich selbst zu beschwichtigen, funktioniert immer schlechter. Wir können uns nicht dauerhaft von der eigenen Situation ablenken, auch nicht durch den Blick auf fremdes Leid. Früher oder später sind wir zurückgeworfen auf uns selbst und unsere eigenen Empfindungen, unsere eigenen Gedanken und Gefühle. Und da spüre ich zurzeit vor allem viel Müdigkeit. Bei meinen Mitmenschen, aber auch bei mir selbst. Eine Müdigkeit, die viele Gesichter hat. Die Stimmung ist auch bei kleinen Anlässen schnell gereizt und unablässig bohrt die Frage an unseren Nerven: Wann hört das endlich auf?

Ich weiß es genauso wenig wie alle anderen. Ich weiß nur, dass ich dringend gute Nachrichten brauche. Und da kommt mir der Predigttext für den Palmsonntag gerade recht. Er steht im Hebräerbrief. Dieser Text im Neuen Testament hat die Form eines Briefes, ist aber eigentlich eher eine Abhandlung. Denn die Gedanken in diesem sogenannten Hebräerbrief sind weniger anlassbezogen als vielmehr grundsätzlicher Natur. Ich lese Abschnitte aus den Kapiteln elf und zwölf. Und es geht direkt mit einer Definition des Glaubens los.

11,1 Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht. 2 In diesem Glauben haben die Alten Gottes Zeugnis empfangen. 12,1 Darum auch wir: Weil wir eine solche Wolke von Zeugen um uns haben, lasst uns ablegen alles, was uns beschwert, und die Sünde, die uns umstrickt. Lasst uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns bestimmt ist, 2 und aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens, der, obwohl er hätte Freude haben können, das Kreuz erduldete und die Schande gering achtete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. 3 Gedenkt an den, der so viel Widerspruch gegen sich von den Sündern erduldet hat, dass ihr nicht matt werdet und den Mut nicht sinken lasst. (Hebr 11,1-2; 12,1-3; Lutherbibel 2017)

Am Anfang der Karwoche weist uns dieser Abschnitt aus dem Hebräerbrief auf Jesus hin, auf seinen Weg, auf seinen Tod. Das ist der Anlass des Briefs. Er weist auf Jesus hin, den „Anfänger und Vollender des Glaubens“, damit wir nicht matt werden und den Mut nicht sinken lassen.

Auf den ersten Blick könnte auch das wie ein Ablenkungsmanöver wirken: „Schau auf Jesus, auf sein Leiden, dann spürst du nicht dein eigenes.“ Aber das ist nicht gemeint. Denn der Weg Jesu ist der Weg eines besonderen Menschen. Ja, er ist auch einer von uns. Ein Mensch aus Fleisch und Blut, bewegt von Angst und Sorge, von Hoffnung und Freude. Aber er ist eben auch ein besonderer Mensch. Er ist der eine, mit dem Gott sich ganz und gar identifiziert. Auf seinem Weg ist Gott dabei, erkennbar für alle, die diesen Weg teilen. Sogar bei dem toten Jesus ist Gott gegenwärtig und macht mit ihm einen neuen Anfang.

Darum ist er der „Anfänger und Vollender des Glaubens“. Weil Gott mit ihm einen neuen Anfang gemacht hat, trotz des Todes und durch den Tod hindurch. Darum finden wir bei diesem Jesus eine Hoffnung, die standhält. Eine Hoffnung, die auch den großen Herausforderungen und Bedrängnissen dieser Tage standhält.

Zu den Bedrängnissen dieser Tage gehört es konkret, dass wir ja nicht wissen, wie es weitergeht. Das ist neu in unserem Land, in dem wir uns das Leben normalerweise verfügbar machen durch unsere Pläne und Konzepte. Plötzlich ist das nicht mehr möglich. Das Leben zeigt sich von einer unverfügbaren Seite, es entzieht sich der Planbarkeit.[1] Unsere Pläne greifen nicht mehr, sie drehen im Leerlauf. Das macht uns in vielen Bereichen des Lebens rasend.

Und dennoch ist das genau die Situation, die der Hebräerbrief als die Situation des glaubenden Menschen beschreibt. Er tut dies exemplarisch anhand der Geschichte von Abraham und Sara.

11,8 Durch den Glauben wurde Abraham gehorsam, als er berufen wurde, an einen Ort zu ziehen, den er erben sollte; und er zog aus und wusste nicht, wo er hinkäme. 9 Durch den Glauben ist er ein Fremdling gewesen im Land der Verheißung wie in einem fremden Land und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung. 10 Denn er wartete auf die Stadt, die einen festen Grund hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist. 11 Durch den Glauben empfing auch Sara, die unfruchtbar war, Kraft, Nachkommen hervorzubringen trotz ihres Alters; denn sie hielt den für treu, der es verheißen hatte. 12 Darum sind auch von dem einen, dessen Kraft schon erstorben war, so viele gezeugt worden wie die Sterne am Himmel und wie der Sand am Ufer des Meeres, der unzählig ist. (Hebr 11,8-12; Lutherbibel 2017)

Abraham wusste nicht, „wo er hinkäme“. Wir wissen nicht, wohin uns das alles noch führt. Trotzdem ging Abraham los. Er folgte seiner Berufung, er ging seinen Weg. Er tat dies, weil er glaubte. So auch Sara. In verzweifelter, auswegloser Situation gab sie nicht auf. Sie empfing neue Kraft, weil sie glaubte. Gegen alle Wahrscheinlichkeit wurde durch diesen Glauben aus Abraham und Sara ein Volk. Gott mutete ihnen diesen Weg zu, auch wenn sie manchmal nicht wussten, wie es weitergehen sollte. Auch wenn sie im fremden Land und in Zelten wohnen mussten.

Leben im fremden Land der Pandemie, Leben im Zelt der Ungewissheit, heute teilen wir das Schicksal von Abraham und Sara.

Teilen wir auch ihren Glauben?

Ich wünsche mir das. Ich wünsche Ihnen und mir, dass wir in dieser schwierigen Zeit glauben können. Dass wir uns festhalten an dem, was wir erhoffen. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Gott macht in auswegloser Situation einen neuen Anfang mit uns und führt uns neu ins Leben. Gott tut das gegen den Augenschein, auch und gerade dann, wenn wir noch nichts davon sehen oder fühlen.

Für diese Hoffnung steht der Name Jesus. Er ist der Anfänger und Vollender des Glaubens. Das bedeutet auch: Wir können ihn um Glauben bitten. Darum, dass er beginnt, und darum, dass er besteht und uns trägt durch diese Zeit.

In diesem Glauben und in dieser Hoffnung sind wir nicht allein. Der Hebräerbrief benutzt für die Gemeinschaft des Glaubens ein Bild. Er spricht von der „Wolke von Zeugen“, die wir um uns haben.[2] Ein schönes Bild! Ich stelle mir vor, wie mich meine Väter und Mütter im Glauben umgeben und mir Beispiele vor Augen führen, wie der Glaube das Leben trägt.

Ich glaube, wir brauchen diese Zeuginnen und Zeugen. Sie helfen uns, den Glauben und die Hoffnung zu bewahren.

Vielleicht überlegen Sie einmal in dieser Karwoche, wer für Sie der wichtigste Zeuge, die wichtigste Zeugin für Ihren Glauben ist.

In meiner persönlichen Wolke der Zeugen hat einer einen festen Platz, mit dessen Worten ich heute schließe.

Martin Luther King sagt:

Komme, was mag, Gott ist mächtig.

Wenn unsere Tage verdunkelt sind

und unsere Nächte finsterer

als tausend Mitternächte,

so wollen wir stets daran denken,

dass es in der Welt eine große,

segnende Kraft gibt, die Gott heißt.

Gott kann Wege

aus der Ausweglosigkeit weisen.

Er will das dunkle Gestern

in ein helles Morgen verwandeln –

zuletzt in den leuchtenden Morgen

der Ewigkeit.


[1] Vgl. Hartmut Rosa: Unverfügbarkeit (Suhrkamp Taschenbuch 5100). Berlin 2020.

[2] Vgl. Christian Rose: Die Wolke der Zeugen (WUNT II.60). Tübingen 1994.

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