Exodus 14,8-14.19-23.28-30

Ostersonntag. Als Maria Magdalena, Maria und Salome am Ostermorgen das leere Grab entdeckten, da entsetzten sie sich. Und als sie es verließen, da fürchteten sie sich. Wissen wir also, was wir tun, wenn wir einander frohe Ostern wünschen? Früh schon empfanden Bearbeiter den Schluss des Markusevangeliums offenbar als mangelhaft, denn sie ergänzten die acht Verse, die wir eben in der Schriftlesung gehört haben, um weitere Episoden aus dem Leben des Auferstandenen. Entsetzen und Furcht am leeren Grab sollten nicht das letzte Wort haben. Einerseits verstehe ich das. Wer will schon bei Furcht und Zittern stehenbleiben? Andererseits verlieren wir dadurch etwas vom Realismus der Ostergeschichte. Das Grab ist leer. Jesus von Nazareth ist auferstanden. Damit ist aber noch nicht alles gut. Die Frauen am Grab halten mit ihrer Furcht, mit ihrem Entsetzen einen Platz frei auch für unsere Furcht und für unser Entsetzen.

Das ist mir wichtig. Denn groß sind Furcht und Entsetzen auch in unseren Tagen. Ich muss das nur andeuten: Die dritte Welle der Corona-Pandemie fordert tägliche neue Opfer. Menschen erkranken schwer, über 76.000 sind alleine in Deutschland mittlerweile an COVID verstorben. Zurück bleiben trauernde Angehörige und eine zunehmend verstörte Gesellschaft. Dadurch gerät mancherorts auch die Demokratie unter Druck. Bestehende autoritäre Tendenzen werden verstärkt. Menschen sehnen sich nach dem starken Mann, der starken Frau, die vermeintlich alles im Nu in Ordnung bringt. Darüber geraten andere wichtige Themen aus dem Blick: Für den Klimawandel oder die weltweiten Flüchtlingsströme fehlen uns im Moment Kraft, Zeit und Aufmerksamkeit. Kein Wunder, dass viele Zeitgenossen sich vor allem auf ihren sozialen Nahbereich konzentrieren. Familie und Freunde stehen im Mittelpunkt des eigenen Lebensentwurfs. Die Welt da draußen lässt sich ohnehin nicht beeinflussen.[1]

Diese Erfahrung eigener Ohnmacht kommt auch in der Ostergeschichte vor. Heute hören wir die Ostergeschichte aus dem zweiten Buch Mose. Es erzählt vom Exodus, vom Auszug der Israeliten aus Ägypten. Das Volk Israel war schon ausgezogen, als der Pharao seinen Entschluss bereute. Mit Ross und Wagen und vielen Kämpfern verfolgte er die Israeliten, um sie erneut zu knechten. Die Bibel erzählt:

8Der Herr verstockte das Herz des Pharao, des Königs von Ägypten, dass er den Israeliten nachjagte. Aber die Israeliten waren mit erhobener Hand ausgezogen. 9Und die Ägypter jagten ihnen nach, alle Rosse und Wagen des Pharao und seine Reiter und das ganze Heer des Pharao, und holten sie ein, als sie am Meer bei Pi-Hahirot vor Baal-Zefon lagerten. 10Und als der Pharao nahe herankam, hoben die Israeliten ihre Augen auf, und siehe, die Ägypter zogen hinter ihnen her. Und sie fürchteten sich sehr und schrien zu dem Herrn 11und sprachen zu Mose: Waren nicht Gräber in Ägypten, dass du uns wegführen musstest, damit wir in der Wüste sterben? Warum hast du uns das angetan, dass du uns aus Ägypten geführt hast? 12Haben wir’s dir nicht schon in Ägypten gesagt: Lass uns in Ruhe, wir wollen den Ägyptern dienen? Es wäre besser für uns, den Ägyptern zu dienen, als in der Wüste zu sterben. 13Da sprach Mose zum Volk: Fürchtet euch nicht, steht fest und seht zu, was für ein Heil der Herr heute an euch tun wird. Denn wie ihr die Ägypter heute seht, werdet ihr sie niemals wiedersehen. 14Der Herr wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein. (Lutherbibel 2017)

Angesichts der Verfolgung durch die Ägypter spüren die Israeliten ihre Ohnmacht. Was sollen sie schon ausrichten gegen diese hochgerüstete Armee. Sie zweifeln am Sinn der Freiheit. Besser als der Tod wäre die Knechtschaft. Lieber der Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Doch stimmt das? Mose widerspricht entschieden. Wartet doch mal ab. Noch ist nichts entschieden. Ihr habt wohl vergessen, dass Gott auf eurer Seite steht. Ja, nicht nur steht, sondern für euch kämpft.

Diese Vorstellung kommt uns möglicherweise seltsam vor, altertümlich, archaisch. Gott kämpft auf der Seite Israels gegen die Ägypter. Mit einem philosophisch gereinigten Gottesbild lässt sich so ein kämpferischer Gott scheinbar nicht in Einklang bringen. Doch Vorsicht vor zu schnellen Wertungen!

Das Buch Exodus weiß genau, wovon es erzählt. Ja, es erzählt von Gott mit menschlichen Zügen, aber genau darum ist es voller lebenspraktischer Klugheit.

Manchmal sind wir ja tatsächlich am Ende mit unserem Latein und wissen nicht mehr weiter. Manchmal haben wir alles getan, was wir konnten, und der Kampf ist trotzdem noch nicht vorbei. Der Kampf um Leben und Gesundheit, der Kampf um Demokratie und Freiheit, der Kampf um den Schutz von Klima und Natur. Manchmal können wir nur noch warten und hoffen, dass am Ende alles gut wird. So wie damals am Schilfmeer. Oder wie damals in jenen drei Tagen zwischen Karfreitag und Ostern.

Dann brauchen wir jemanden wie Mose, der uns sagt:

„Fürchtet euch nicht.“ Und: „Der Herr wird für euch streiten, und ihr werdet stille sein.“

Wie unendlich schwer uns das fällt! Wie unendlich schwer mir das fällt!

Stille sein – Gott für mich wirken lassen.

Habe ich das wirklich nötig? Bin ich wirklich so bedürftig, so am Ende meiner Möglichkeiten?

Viel lieber wäre ich doch ein Held, ein Mose, der vorweg geht und mit erhobener Hand das Meer teilt.

Doch auch die erhobene Hand des Mose ist nur ein Zeichen. Sie verweist auf Gottes Handeln für sein Volk. Die Bibel erzählt weiter:

19Da erhob sich der Engel Gottes, der vor dem Heer Israels herzog, und stellte sich hinter sie. Und die Wolkensäule vor ihnen erhob sich und trat hinter sie 20und kam zwischen das Heer der Ägypter und das Heer Israels. Und dort war die Wolke finster und hier erleuchtete sie die Nacht, und so kamen die Heere die ganze Nacht einander nicht näher. 21Als nun Mose seine Hand über das Meer reckte, ließ es der Herr zurückweichen durch einen starken Ostwind die ganze Nacht und machte das Meer trocken, und die Wasser teilten sich. 22Und die Israeliten gingen hinein mitten ins Meer auf dem Trockenen, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken. 23Und die Ägypter folgten und zogen hinein ihnen nach, alle Rosse des Pharao, seine Wagen und Reiter, mitten ins Meer. (Lutherbibel 2017)

Wir ahnen oder wissen: Diese Geschichte wird für die Ägypter nicht gut ausgehen. Am Ende gibt es nicht nur Gewinner und Verlierer, sondern es gibt Lebende und es gibt Tote:

28Das Wasser kam wieder und bedeckte Wagen und Reiter, das ganze Heer des Pharao, das ihnen nachgefolgt war ins Meer, sodass nicht einer von ihnen übrig blieb. 29Aber die Israeliten gingen trocken mitten durchs Meer, und das Wasser war ihnen eine Mauer zur Rechten und zur Linken. 30So errettete der Herr an jenem Tage Israel aus der Ägypter Hand. Und sie sahen die Ägypter tot am Ufer des Meeres liegen. (Lutherbibel 2017)

Die Geschichte am Schilfmeer geht nicht für alle gut aus. Sie ist parteiisch. Gott ist parteiisch und kämpft für die eine Seite gegen die andere. Von universaler Gerechtigkeit für alle ist in dieser Geschichte keine Rede. Aber wir dürfen nicht vergessen: Die Ägypter sind keine Opfer. Sie stehen hier stellvertretend für Menschen, die andere Menschen ausbeuten und vernichten. Bezeichnenderweise wird nicht erzählt, dass Gott oder die Israeliten die Ägypten töten. Die Ägypter kommen um, weil und indem sie die Israeliten besinnungslos verfolgen. Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein. Wer von der Waffe Gebraucht macht, kommt durch sie um. Vielfältig sind die Geschichten von Menschen, die in ihrer zerstörerischen Raserei am Ende sich selbst mit vernichten.

So nehmen die sterbenden Ägypter am Schilfmeer das Sterben Jesu am Karfreitag vorweg. Wieder ist es die hasserfüllte Raserei von Menschen, die sich daran stören, wie Gott Mensch wurde in dieser Welt – erst in seinem Volk Israel und nun in seinem Messias Jesus. Doch diesmal trifft dieser Hass nur den einen. Jesus stirbt, damit wir leben. Wie das?

Wir leben in wütenden Zeiten. Die Raserei des Pharao ist uns nicht fremd. Querdenker und andere Wutbürger tragen sie Woche für Woche auf unsere Straßen. In sozialen Netzwerken schreien die Menschen sich an. Ihr Hass sät Gewalt und hat das Potential für immer noch mehr Hass.

Wir müssen wachsam sein, auch gegenüber uns selbst, damit wir uns nicht anstecken – nicht mit COVID und nicht mit Hass.

Darum schauen wir heute, am Ostertag, auf Jesus, den Auferstandenen.

In seinem Tod hat Gott die Raserei des Hasses überwunden. Bei uns und den anderen. Das kann nur Gott, den Hass und die Raserei in uns überwinden. Und wir müssen dafür nur ein wenig stille sein und ihn wirken lassen.

Damit ist noch lange nicht alles gut in der Welt.

Furcht und Entsetzen bleiben uns genauso wenig erspart wie den Frauen am Grab.

Aber mit Ostern hat die Welt eine neue Richtung bekommen:

Gott überlässt sie nicht ihrer eigenen Raserei, sondern tritt dem Hass in den Weg, wie er den Ägyptern in den Weg getreten ist.

Martin Luther hat das so verdichtet:

Es war ein wunderlich Krieg,

da Tod und Leben ’rungen;

das Leben behielt den Sieg,

es hat den Tod verschlungen. …

Halleluja. (EG 101,4)

In der Melodie des Liedes ist noch etwas zu hören von diesem Kampf.

Das ist kein Siegesmarsch, kein Triumphgeheul, sondern ein ganz eigener Ton.

Er klingt nach Moll und ist es doch nicht.

Es ist das Lied des Lebens, das uns neu geschenkt wird.

Wir sind eingeladen zum Hören und Schmecken.

Wir essen und leben wohl,

zum süßen Brot geladen. (EG 101,7)

Frohe Ostern!


[1] Zu den kulturellen Kräften, die uns prägen und herausfordern, gehört unter anderem der sog. „Neostoizismus“. Vgl. Günter Thomas: Im Weltabenteuer Gottes leben. Impulse zur Verantwortung für die Kirche. Leipzig 2020, 42 ff.

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