Genesis 11,1-9

Pfingstsonntag. Lukas erzählt in der Apostelgeschichte (Kapitel 2), wie der Heilige Geist die versammelte Gemeinde erfüllte. „Wie von Feuer“ sei der Geist gewesen. In lebendiges, warmes Rot war das Haus getaucht.

Wenn man heute Menschen auf der Straße fragen würde, warum Christinnen und Christen Pfingsten feiern, dann würde man nicht viel mehr als ein Fragezeichen ernten. An Weihnachten und Ostern geht es um Jesus, soviel ist klar.

Aber was ist und was tut dieser Heilige Geist?

Wie gut, dass wir heute neben der Pfingstgeschichte noch eine zweite Geschichte im Programm haben, die uns den Heiligen Geist nahebringt. Es ist eine Parallelgeschichte, viel mehr als eine Vorgeschichte, im Grund eine Ur-Geschichte, also eine Geschichte über die Menschen und wie sie so sind.

Sie steht im ersten Buch Mose, Genesis. Ich lese aus Kapitel 11:

1Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. 2Als sie nun von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. 3Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel 4und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde. 5Da fuhr der Herr hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. 6Und der Herr sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. 7Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! 8So zerstreute sie der Herr von dort über die ganze Erde, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. 9Daher heißt ihr Name Babel, weil der Herr daselbst verwirrt hat aller Welt Sprache und sie von dort zerstreut hat über die ganze Erde. (Lutherbibel 2017)

Diese Geschichte ist eine wunderbare orientalische Sage. Sie erzählt, warum die eine Menschheit in so vielen verschiedenen Kulturen existiert und so viele verschiedene Sprachen spricht. Die gute Nachricht für alle, die sich an dieser Vielfalt erfreuen, lautet: Diese Vielfalt ist von Gott gewollt.

Warum das so ist, wird in der Geschichte deutlich. Denn das Gegenteil von Vielfalt ist alles andere als harmlos. Es wird erzählt: Die Menschen zu jener Zeit sprachen eine Sprache. Aber es ging ihnen nicht einfach gut damit, sondern sie fürchteten sich. Sie fürchteten sich, zerstreut zu werden. Oder anders gesagt: Sie fürchteten sich davor, bedeutungslos zu sein. Und darum fassten sie einen Plan. Wir bauen einen Turm. Wir bauen einen Turm, der bis an den Himmel reicht. Ein Symbol der Stärke und Vitalität unserer Kultur. Mit diesem Turm werden wir uns einen Namen machen. Es wird überall bekannt sein: Mit uns kann sich keiner messen. Wir sind stark. Wir sind überlegen. Wir sind wichtig. Wir machen uns groß. Am besten sogar größer, als wir sind.

Das Problem an dieser Lösung ist: Die Angst, die im Kern dieser Idee wohnt, sie geht nicht weg durch den Turmbau. Sie wühlt im Untergrund der Kultur weiter. Sie flammt immer wieder auf und wird politisch benutzt. Das kann man heute überall dort beobachten, wo die Idee „Wir machen uns groß“ politisch umgesetzt wird. Der Traum von der überlegen Einheitskultur, der Traum vom Imperium führt ja gerade nicht zum Frieden, sondern in Streit und Angst.

„Make america great again“ war eine Ausdrucksform dieses Traums. Sie hat die Gesellschaft in beispielhafter Weise polarisiert. Psychologen in den USA beobachteten im Jahr 2018 einen massiven Anstieg von Angsterkrankungen. Übrigens nicht nur bei den Gegnern, sondern auch bei den Befürwortern des damaligen Präsidenten. Und auch die Träume von der russischen oder chinesischen Widergeburt der großen Nation werden auf dem Rücken von Minderheiten geträumt. Auf dem Rücken der Uiguren in China, auf dem Rücken der Homosexuellen in Russland. Auch bei uns wird der Traum von deutscher Größe und kultureller Überlegenheit wieder geträumt. Auch er trägt den Keim der Zerstörung bereits in sich, nicht nur der Zerstörung von Minderheiten, sondern letztlich auch den Keim der Selbstzerstörung.

Wie verhält sich nun Gott zu diesen Träumen und Symbolen von Macht und Größe?

Gott muss erstmal von seiner himmlischen Höhe herunterkommen und in Augenschein nehmen, was die Menschen da eigentlich bauen. Ich liebe diesen ironischen Zug der Turmbaugeschichte. Da bauen die Menschen den denkbar höchsten Turm der Welt und Gott blinzelt von oben herunter und spricht zu seinen himmlischen Gefährten: Was machen die denn da unten? Ich sehe gar nichts. Lass uns mal nachschauen.

Wohlgemerkt: Damit ist nicht gesagt, dass die Menschen unwichtig sind. Aber die aufgeblasenen Pläne der Menschen, werden wohltuend relativiert. Also: Wenn du den Himmel mal richtig zum Lachen bringen willst, dann bau einen hohen Turm.

Aus diesem Gelächter Gottes wurde die Vielfalt der Sprachen und Kulturen geboren. Gott interveniert gegen den Traum von kultureller Überlegenheit, gegen das Imperium. Doch damit nicht genug. Denn damit ist es noch nicht Pfingsten geworden.

Die kulturelle Vielfalt, die am Ende der Turmbaugeschichte entstanden ist, sie alleine garantiert leider auch noch keinen Frieden.

Das erleben wir schmerzlich, wenn wir morgens die Zeitung oder das Tablett aufschlagen. Es bräuchte die Vereinten Nationen nicht, wenn kulturelle Vielfalt alleine schon die Lösung wäre. Denn leider ist die Vielfalt, die wir politisch erleben, allzu oft genau der Wirrwarr, von dem am Ende der Turmbaugeschichte erzählt wird.

Die Frage lautet also: Wie wird aus der verworrenen und zerstrittenen Vielfalt eine verständige und versöhnte Vielfalt? Wie entsteht und gedeiht lebendige und fröhliche Vielfalt?

Dazu braucht es nicht weniger als ein Wunder. Ein Pfingstwunder!

Der Heilige Geist macht aus den vielen verschiedenen Menschen in ihren verschiedenen Kulturen und Sprachen Schwestern und Brüder Jesu Christi.

Die kulturelle und sprachliche Vielfalt verschwindet dadurch gerade nicht. Sie wird nicht ersetzt durch eine Einheitskultur oder Einheitssprache. Aber es entsteht eine Gemeinschaft jenseits der sprachlichen und kulturellen Barrieren. Und diese Gemeinschaft baut Brücken zwischen Menschen. Sie verleitet zur Geschwisterlichkeit, zur Liebe, wo das Trennende und der Hass herrschen.

Pfingsten heißt darum: In dem Haus, wo der Heilige Geist herrscht, da werden die Träume von kultureller Überlegenheit von höchster Stelle ironisch belächelt, und da wird das Trennende liebevoll und phantasievoll überbrückt, weil wir Schwestern und Brüder Jesu Christi sind.

Ironisch belächelt wird, so glaube ich, auch der Traum von der mächtigen  Einheitskirche. Das Pfingstfest wird ja immer wieder gerne als Geburtstag der Kirche bezeichnet. Ich muss gestehen: Ich kann damit wenig anfangen. Für mich klingt das zu sehr nach weihevoller Stimmung. Auch nach Melancholie und der Trauer um vergangene Zeiten und alte Größe. Früher war noch mehr Lametta und die Kirche war noch was. Da ging man an Pfingsten hin anstatt übers lange Wochenende in den Urlaub zu düsen. Die Bedeutung und Macht der Kirche ließ sich treffend an der Höhe ihrer Kirchtürme ablesen.

Und insbesondere wir Protestanten haben uns mit Vorliebe darauf berufen, wie wichtig wir als Wertevermittler für den Staat des Grundgesetzes, das übrigens heute vor 72 Jahren erlassen wurde, waren.

Kulturelle und kirchliche Vielfalt ernstnehmen, das heißt aber: Der Staat kann auch ohne uns. Diese Gesellschaft orientiert sich nicht mehr an unseren Kirchtürmen. Sie hat längst ihre eigenen Türme und Leuchtfeuer gebaut. Und die sind im Zweifelsfalle höher. Wertmaßstäbe und Orientierungsmarken kommen längst aus vielen verschiedenen Richtungen. Am meisten von den großen Geschichtenerzählern im Kino und im Fernsehen. Ob diese Bestand haben, ist eine andere Frage. Auch sie müssen im Zweifelsfalle erst einmal der Ironie Gottes standhalten.

Ich glaube also, es ist an der Zeit, sich von den Turmbauprojekten zu verabschieden. Auch von den kirchlichen Leuchtturm-Projekten, es sei denn, sie dienten wirklich der Orientierung und Hilfe anderer und nicht der eigenen Selbstbehauptung.

Ob unser Haus, in dem wir als Gläubige uns versammeln, noch einen Turm hat oder nicht, wie groß oder klein der ist, das wird nicht mehr entscheidend sein. Entscheidend ist vielmehr, dass wir uns auch in Zukunft in unserem Haus versammeln. In diesem Haus, wo wir um den Geist bitten. Wo wir den Geist erwarten. Wo der Geist uns gegeben wird, so dicht und intensiv wie sonst nirgendwo, damit wir Schwestern und Brüder Jesu Christi werden. Damit wir einander den Glauben stärken, die Hoffnung hochhalten und die Liebe tun.

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