1. Johannes 1,1-4

Erster Sonntag nach Weihnachten. „Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.“ (Hermann Hesse, 1941) Diese Zeilen sind weithin bekannt und werden oft zitiert. Besonders dann, wenn etwas Altes zu Ende geht und etwas Neues beginnt. Über eine solche Schwelle treten wir in diesen Tagen, vom alten Jahr ins neue, von der Weihnachts- in die Epiphaniaszeit.

Dass Hesses Gedicht „Stufen“ so beliebt ist, vor allem die beiden zitierten Zeilen, beruht auf der Verunsicherung, die jede Schwelle mit sich bringt. Das Alte war bekannt und vertraut, das Neue liegt unbekannt vor uns, manchmal hoffen wir darauf, oft fürchten wir es auch.

Die Rede vom Zauber, „der uns beschützt und der uns hilft, zu leben“, ist eine Art Glaubensbekenntnis. Es drückt Hoffnung aus. Auch in dem unbekannten Neuen werden wir behütet sein, wird das Leben gut werden. Dieser Hoffnung liegt die Überzeugung zugrunde, dass sich im Anfang die das Leben beschützenden und fördernden Kräfte besonders deutlich zeigen. Der Anfang wird zum Augenblick der Offenbarung.

Auch der erste Johannesbrief spricht vom Anfang, und auch dort offenbart sich am Anfang der Sinn der Geschichte. In einer Art Vorrede zu diesem Brief heißt es:

1Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des
Lebens – 2und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist –, 3was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. 4Und dies schreiben wir, auf dass unsere Freude vollkommen sei.
(Lutherbibel 2017)

Alles auf Anfang! So klingt diese Vorrede zum ersten Johannesbrief in meinen Ohren. Was am Anfang geschah, das soll uns auch in Zukunft leiten, damit es eine gute und eine gemeinsame Zukunft sein wird.

Angesichts von Spaltungen in der Gemeinde setzt der Verfasser des ersten Johannesbriefs also nicht auf einen Zauber, sondern auf die Offenbarung Gottes in Jesus Christus. Er stellt sich selbst als Augen- und Ohrenzeuge dieser Offenbarung dar, ja seine Hände haben das menschgewordene „Wort des Lebens“ betastet. Mehr geht nicht! Das Zeugnis des Verfassers soll über jeden Zweifel erhaben sein.

Das klingt in unseren zeitgenössischen Ohren zunächst einmal fragwürdig. Und man könnte versucht sein, Sinn, Richtung und Orientierung für das neue Jahr vielleicht doch lieber bei Hesses Zauber zu suchen als in den johanneischen Gedanken über den Anfang.

Doch denken wir an Weihnachten und den Anfang mit dem neugeborenen Jesus, von dem wir ja gerade herkommen. Dieser Anfang ist ja gemeint. Mit Jesus hat Gott einen neuen Anfang in der Welt gemacht, und an diesen Anfang erinnert der Schreiber des ersten Johannesbriefs gegen Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus.

Der Anfang ist also gemacht. Gott selbst hat diesen Anfang gemacht. Und nun gewinnt der Verfasser des ersten Johannesbriefs aus diesem Anfang Orientierung. Er sagt seiner Gemeinde: Lebt im Sinne dieses Anfangs, den Gott mit Jesus gemacht hat. Lebt in der Liebe, die sich darin offenbart. Lebt als Kinder Gottes.

Und so ist es ja auch bei uns. Der Anfang ist gemacht. Wir haben miteinander Weihnachten gefeiert. Wir haben die gute Nachricht vom Kind in der Krippe gehört und die Botschaft der Engel: Fürchtet euch nicht. Nun endet die Weihnachtszeit. Das neue Jahr ist da, und morgen beginnt es so richtig mit all‘ seinen Herausforderungen und Unwägbarkeiten.

Der Anfang ist gemacht. Nun geht also in dieses neues Jahr und lebt im Sinne dieses Anfangs! Aber wie?

Die innergemeindlichen Gegner des Verfassers des ersten Johannesbriefs meinten: Wir haben den Anfang eigentlich hinter uns gelassen. Gott hat uns mit der Geburt Jesu das Heil geschenkt. Nun haben wir es und machen damit, was uns gefällt.

Das Ergebnis dieser Haltung war, dass diejenigen, die so dachten, sich allen anderen überlegen fühlten. Sie fühlten sich im Recht, sie fühlten sich frei, sie hatten es nicht mehr nötig, Rücksicht auf andere zu nehmen. Sie verstanden ihre Gotteskindschaft als Privileg, als einen Besitz, und darum hatten sie auch kein Problem damit, dass andere weniger oder nichts besaßen. Solidarität und Hilfsbereitschaft, Liebe und Zusammenhalt unter den Schwestern und Brüdern Jesu? Nichts als eine Fehlanzeige!

Angesichts dieser verhärteten Fronten interveniert der Schreiber. Das ist nicht im Sinne des Anfangs! Wer sich selbst über die anderen stellt, sich für fehlerlos hält, nur an die eigenen Bedürfnisse denkt und nicht die Not der anderen sieht und versucht, sie zu lindern, der hat den begonnenen Weg verlassen.

Alles auf Anfang! Das galt für das Zusammenleben der Gemeinde damals, es gilt auch für uns heute. Alles auf Anfang, das heißt: Wir gehen mit dem Beginn des Alltags morgen nicht einfach zur nachweihnachtlichen Tagesordnung über, sondern wir kehren im Alltag immer wieder zurück zum Anfang; zum Anfang der Geburt Jesu, zum Anfang der Krippe, zum Anfang Gottes mit Jesus, der ja ein Anfang für uns ist. Immer wieder neu mit Jesus anfangen, darin liegt der Zauber des Anfangs für uns Christinnen und Christen.

Die vielleicht größte Gefährdung dieses Anfangens mit Jesus liegt in der Umformung des Glaubens in eine Weltanschauung. Das geschieht überall da, wo Menschen das Gefühl haben: Wir besitzen einen Vorsprung an Wissen und Erkenntnis gegenüber anderen Menschen, und wir bauen diesen Vorsprung aus zu einem Lebensstil, der den anderen weit überlegen ist. Diese Überlegenheitsphantasien sind mal mehr kulturell, mal mehr politisch geprägt, aber sie brauchen immer ein Gegenüber, das mindestens abgewertet, manchmal sogar zum Feind erklärt wird.

Wo immer das geschieht, wo Menschen, die sich als Christen verstehen, andere abwerten, sich überlegen fühlen und auch so darstellen, da lasst uns ganz wachsam sein. Denn mit Jesus neu anfangen, das bedeutet immer, einen neuen Anfang in der Liebe zu machen. Die Wahrheit des Evangeliums und die Liebe zu den Schwestern und Brüdern in der Gemeinschaft gehören unbedingt zusammen.

Übrigens: Immer wieder alles auf Anfang setzen, das schließt eine Entwicklung nicht aus. „Wir heißen Gottes Kinder – und wir sind es auch“ (1 Joh 3,1), und natürlich wachsen die Kinder Gottes im Glauben. Nur sie wachsen eben nicht linear oder gar exponentiell wie die Corona-Pandemie, sondern sie wachsen zirkulär. Wir haben manchmal einen Wachstumsschub, verändern uns spürbar, machen einen ersten oder nächsten Schritt, und dann halten wir wieder inne und beginnen neu mit dem Anfang, stehen wieder an der Krippe, lassen unser Herz fröhlich springen, loben Gott und lassen uns neu sagen, was Gott für uns tut, lassen unsere Liebe zu Gott und den Menschen neu erwecken und stärken. Und dann gehen wir wieder weiter, machen einen nächsten Schritt.

Ein solcher Wachstumsschub war die Fusion zur Emmaus-Gemeinde vor mittlerweile fünf Jahren. Nun stehen wir an einem anderen Punkt und können überlegen: Was kommt als nächstes? Was wollen wir im neuen Jahr anpacken? Was verstehen wir als unsere Aufgabe, als unseren Beitrag zum Leben der Gemeinde in Düsseldorf, zum Leben der Stadt? Oder auch: Was ist für mich persönlich dran in diesem Jahr? Oder für meine Familie, für meine Freunde?

Unter uns lebendigen Menschen aus Fleisch und Blut da erweist sich Gott als lebendig. Mitten unter uns, wo wir als leibliche Wesen miteinander leben und arbeiten, miteinander feiern und trauern, miteinander lieben und weniger lieben, da kommt Gott zu uns, macht einen neuen Anfang. Und der findet dann nicht nur im Kopf statt, sondern „im Leib“.

Dafür streitet der Verfasser des ersten Johannesbriefs: Wir haben Gottes Wort für uns gesehen, betrachtet, mit unseren Händen betastet. Und dieses lebendige Wort wird wahr im Leib und in der Gemeinschaft der Leiber, im Leib Jesu Christi.

Das alles kann man glücklicherweise nachlesen in einem Buch. Ein Buch ist ja auch eine Art Leib. Die Geschichten der menschlichen Leiber sind in ihm zu Zeichen geworden. Und diese Zeichen warten nur darauf, neu in das Leben der Menschen hineinzusprechen und zu wirken. „Wir verkündigen euch das Leben“, heißt es im ersten Johannesbrief. Nicht irgendeins, sondern das Leben Jesu, von dem das Evangelium erzählt. Also, kehren wir immer wieder zu diesem Anfang zurück, um neu aufbrechen und wachsen zu können. Denn jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, der uns beschützt und der uns hilft, zu leben. Für uns hat dieser Zauber einen Namen: Jesus Christus. In ihm finden wir Anfang und Weg.

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