Matthäus 26,36-46

Sonntag Reminiszere. Ich weiß gar nicht, ob mir die Geschichte von Jesus im Garten Gethsemane jemals so unmittelbar nahe gewesen ist wie in diesen Tagen. Seit zwei Wochen führt Russland einen Krieg gegen die Ukraine. Die Nachrichten und Bilder, die uns von dort erreichen, sind erschütternd. Wahrscheinlich könnte jeder von uns hier jetzt aus dem Stegreif sagen, was ihn oder sie besonders betroffen hat. Ich weiß aus Gesprächen, dass bei vielen Menschen jetzt Erinnerungen an Krieg und Flucht wieder hochkommen. Ich bin ein „Kriegsenkel“ (Sabine Bode) und erinnere mich nicht selbst an den Krieg. Trotzdem fühlt es sich manchmal so an, weil ich mich sehr lebhaft an die Geschichten meines Großvaters erinnere, der immer wieder vom Krieg erzählte, ja geradezu erzählen musste, um weiterleben zu können.

Und ja, ich gestehe, ich habe auch Angst. Angst davor, dass die Gewalt auch zu uns kommt, weil der Krieg außer Kontrolle gerät. Denn das haben ja Kriege ja so an sich, dass sie außer Kontrolle geraten, dass die Gewalt sich ausbreitet, überschwappt wie ein Virus.

Darum bin ich froh und dankbar für die Besonnenheit unserer Politikerinnen und Politiker im Westen. Sie machen ja zurzeit eine Gratwanderung zwischen Nichteinmischung auf der einen Seite und Unterstützung durch Waffenlieferungen und humanitäre Hilfe auf der anderen Seite. Bislang scheint das zu funktionieren, und ich hoffe und bete, dass das so bleibt.

Ich spüre aber auch, wie dieser Ausbruch der Gewalt in Europa mich seelisch überrollt hat. Ich kann mir schlechterdings nicht vorstellen, wie es denen ergeht, die nicht nur seelisch, sondern tatsächlich physisch und mit Waffengewalt überrollt werden in ihrem Land. Wir haben diesen Krieg seit Dezember letzten Jahres wie in Zeitlupe auf uns zukommen sehen. Bis zuletzt habe ich eigentlich gedacht, es wird schon gutgehen. Das wird er nicht wirklich tun. Das war, wie sich jetzt herausgestellt hat, Wunschdenken. Es fällt mir schwer, mir das selbst einzugestehen. Und ich brauche Zeit, um diese Erfahrung zu verarbeiten.

Mir hilft dabei sehr die Geschichte von Jesus im Garten Gethsemane. Denn ich möchte wie er trauern und zagen. Trauern darüber, dass dies alles sich so ereignet hat und tagtäglich weiter ereignet. War nicht der Sommer 2022 eigentlich anders geplant? Als eine Zeit des Aufatmens und der Freiheit nach der Pandemie?! Zagen und zögern, weil unklar ist, wie es jetzt weitergeht und was zu tun ist.

Jesus flieht nicht aus dieser Situation des Trauerns und Zagens, sondern er hält stand. Er trauert nicht nur, sondern er spricht es auch aus gegenüber seinen Jüngern: „Meine Seele ist betrübt bis an den Tod.“ (V. 38) Verzweiflung und Todesangst haben ihn ergriffen. Natürlich möchte er in dieser Situation nicht alleine sein. Er hofft auf die Unterstützung seiner Freunde. Wie gut, dass auch wir heute Morgen hier zusammen sind und uns gegenseitig dadurch stützen und stärken können.

Doch Jesus sucht mehr als den Kontakt zu seinen Jüngern. Er sucht und hält den Kontakt zu Gott im Gebet. Jesus tritt uns hier entgegen als ein Mensch, der trauert und in seiner ganzen Unentschlossenheit alles andere als ein Held ist. Sollte es noch irgendeiner Begründung dafür bedurft haben, so können wir von Jesus in Gethsemane lernen: Wir müssen keine Helden sein.[i] Ohnehin leben wir eigentlich in postheroischen Zeiten.[ii] Heldenfiguren gelten heute als suspekt. Zu viel Pathos, zu viel toxische Männlichkeit, zu viel moralischer Zeigefinger. Denn um im Leben standzuhalten, braucht es etwas ganz anderes: Gelassenheit!

Jesus trauert, weil er ahnt, dass sein Leben zu Ende geht. Er lebt als Mensch unter Menschen und liebt sein Leben. Er spielt nicht den Helden. Der Held sucht den Tod, er möchte sein Leben um der höheren Sache willen opfern. Jesus hingegen hängt am Leben, er möchte nicht sterben und darum betet er: „Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber“. (V. 39)

Das ist zutiefst menschlich: Gott um die Rettung des eigenen Lebens zu bitten. Menschen überall auf der Welt tun dies, in diesen Tagen ganz besonders. Sie flehen um ihr Leben. Sie schreien gegen Unterdrückung und Gewalt. In Gottes Ohren ist auch das Schreien ein Gebet.[iii] Doch die Erfahrung lehrt auch: Nicht jedes Gebet wird erhört. Menschen werden krank oder sterben, obwohl sie zu Gott gebetet haben. Das ist bitter und stellt unser Vertrauen zu Gott immer wieder neu auf die Probe.[iv] Jesus steht auch in dieser Probe. Und er besteht sie, indem er sein Schicksal ganz in Gottes Hände legt. „Nicht, wie ich will, sondern wie du willst“ (ebd.), sagt er darum zu Gott. Jesus öffnet seinen Wunsch nach Leben auf Gott hin, er findet Geborgenheit in der Hoffnung, dass auf jeden Fall Gottes Wille geschieht, ganz gleich, was genau geschieht.

Wer schon einmal in einer Situation war, in der das eigene Leben auf dem Spiel stand, der weiß: Das ist leichter gesagt als getan. Das eigene Leben Gott überlassen, es ganz in Gottes Hände legen – wer kann das schon?

Es braucht dafür jedenfalls viel Übung. Jesus betet dreimal im Garten Gethsemane. Mit einem Mal ist es auch für ihn nicht getan. Und weil er weiß, dass es Übung braucht, empfiehlt er sie auch seinen Jüngern. „Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!“, sagt er zu ihnen und findet sie doch immer wieder schlafend vor, denn – und das ist ja sprichwörtlich geworden: „Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.“ (V. 41)

Jesus weiß um unsere Schwäche, und er tadelt sie nicht. Er verschweigt sie aber auch nicht, sondern spricht sie direkt an und stellt fest: „Ach, wollt ihr weiter schlafen und ruhen?“ (V. 45)

Ich muss gestehen, ich brauche ausreichend Schlaf und Ruhepausen, von der Arbeit, vom Kontakt mit anderen Menschen und natürlich auch von den schlechten Nachrichten, die uns über unsere Smartphones in Echtzeit erreichen. In den ersten Tagen des Krieges ging es mir auch so, dass ich alle paar Minuten auf meine Tagesschau-App geschaut habe. Gibt es etwas Neues im Liveblog? Irgendwann habe ich gemerkt, dass mich das total stresst. Mittlerweile habe ich feste Zeiten mit mir selbst verabredet, zu denen ich mich auf den neuesten Stand bringe. Drei Mal am Tag muss reichen und abends lege ich mindestens eine Stunde vor dem Schlafengehen das Handy weg. So viel Sorge gegenüber der eigenen Seele muss sein.

Doch es gibt eben auch das andere Extrem, dass Menschen komplett die Augen verschließen vor dem, was geschieht. Verdrängen und betäuben klappt aber immer nur für kurze Zeit. Umso heftiger kehrt das Verdrängte dann zurück und bringt uns aus der Balance.

Wachen und Beten, das verstehe ich so: Es geht darum, wach und mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Wir sollen wahrnehmen, was geschieht, und dürfen das Geschehen dann im Gebet vor Gott bringen. Im gemeinsamen Singen und Beten entsteht ja eine Seelenverwandtschaft zwischen uns. Ja mehr noch, wir bekommen Anteil an der Stärke und Gelassenheit Jesu, wir finden wie er Geborgenheit in Gott.

Es geht darum, dass die Angst, die nach uns greift und die ja auch bewusst geschürt wird von denen, die diesen Krieg wollen, dass diese Angst uns nicht beherrscht. Es geht auch in diesem Sinne um unsere Freiheit, trotz aller Gewalt und Lüge das Gute zu suchen und zu tun.

Einer steht mir dabei als beeindruckendes Beispiel vor Augen. Alexej Nawalny, der wohl bekannteste politische Häftling der Gegenwart, sprach am 20. Februar 2021 sein Schlusswort vor der Urteilsverkündung im Prozess gegen ihn. Es war nicht das erste Schlusswort, wie es auch nicht der erste Prozess gegen ihn war. Wohl wissend, dass sein Schlusswort am Ausgang dieses Prozesses nichts mehr ändert, sondern im Grunde eine Farce ist, sprach er zum Richter:

„Ich weiß gar nicht mehr, was ich noch sagen soll, Euer Ehren. Soll ich mit Ihnen vielleicht über Gott und Erlösung reden? Den Pathos-Hebel auf Maximum stellen? Die Sache ist nämlich die: Ich bin ein gläubiger Mensch. Bei der Anti-Korruptions-Stiftung und in meinem Umfeld werde ich eher damit aufgezogen, die Leute sind da meist Atheisten, und ich war auch mal einer, sogar ein ziemlich militanter. Aber jetzt bin ich ein gläubiger Mensch, und das hilft mir sehr bei dem, was ich tue. Es macht alles viel, viel einfacher. […] Und deshalb fällt es mir wohl leichter als vielen anderen, in Russland Politik zu machen.

Kürzlich hat mir jemand geschrieben: ‚Du, Nawalny, warum sagen dir eigentlich ständig alle: Halt durch, gib nicht auf, du musst es überstehen, beiß die Zähne zusammen … Aber was hast du denn eigentlich zu überstehen? Du hast doch in einem Interview gesagt, du glaubst an Gott. Und es steht ja geschrieben: Selig sind, die da hungert und dürstet nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden. Dann geht es dir doch bestens!‘ Und ich dachte mir: Da versteht mich ja jemand richtig gut! Nicht, dass es mir gerade bestens ginge, aber dieses Gebot habe ich immer als Handlungsanweisung verstanden. Es macht mir zwar keinen Spaß, hier zu sein, aber ich bedauere auch keinesfalls meine Rückkehr und das, was ich gerade tue. Denn ich habe alles richtig gemacht. Ich fühle sogar so etwas wie Genugtuung, weil ich in einer schwierigen Zeit getan habe, was in der Anweisung steht. Ich habe das Gebot nicht verraten.“[v]

Das Fleisch ist schwach. Aber manchmal ist der Geist umso stärker!


[i] Vgl. Peter Tauber: Du musst kein Held sein. Spitzenpolitiker, Marathonläufer, aber nicht unverwundbar. München 2020.

[ii] Vgl. Ulrich Bröckling: Postheroische Helden. Ein Zeitbild. Berlin 2020.

[iii] Vgl. Ex 3,7: „Und der Herr sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen, und ihr Geschrei über ihre Bedränger habe ich gehört; ich habe ihre Leiden erkannt.“

[iv] Es ist die Probe, auf die Kain im Verhältnis zu seinem Bruder Abel gestellt wurde (vgl. Gen 4,4 f.).

[v] Alexej Nawalny: Russland wird glücklich sein. In: Die Zeit Nr. 30/2021.

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